Via Podiensis Etappe 1: Le Puy – Montbonnet | Erfahrungsbericht, Tipps & Highlights

Aktualisiert: vor 7 Tagen
Le Puy - Montbonnet 17 Km
Meine erste Etappe der Via Podiensis führt von Le Puy nach Montbonnet. Mit der morgendlichen Pilgermesse in der Kathedrale Notre-Dame du Puy beginnt der bekannteste Jakobsweg Frankreichs auf besonders stimmungsvolle Weise. Teile der Gesamtroute gehören sogar zum UNESCO-Welterbe. Dieser Beitrag zeichnet sich aus durch persönliche Aufregung, erste Anstrengungen und die nicht neue Erkenntnis, dass Schlaf von mir überbewertet wird.
Halt. Moment mal! Mein Reiseführer zeigt aber St.-Privat D'Allier als ersten Etappenhalt an? Das wären am ersten Tag 24 Kilometer Länge ungeachtet der 650 Meter Höhenmeter.
Nee, lass mal. Ich will ja in gut fünf Wochen in Saint-Jean-Pied-de-Port ankommen und die Chancen darauf nicht schon am ersten Tag komplett ruinieren. Das habe ich für mich persönlich auf meinen letzten Wegen gelernt: Weniger ist am Ende mehr. Gilt für Erwartungen und Ambitionen genau so wie für Blasen und Gepäckstücke. Und deshalb werde ich nach 17 Kilometern in einem kleinen Nest namens Montbonnet anhalten.
Klingt nach einem Plan.
Ich bin mega aufgeregt, als ich von meiner Pilgerherberge, die nur einen Steinwurf von der Kathedrale entfernt liegt, nach dem ersten spartanischen Frühstück um 6.50 Uhr aufbreche. Die allmorgendliche Pilgermesse samt Pilgersegen möchte ich mir nicht entgehen lassen. Die Vorfreude ist zum Glück noch größer als meine Müdigkeit. Die wiederum geht auf das Konto zweier Ü60-Herren, die in den letzten zehn Stunden auf der Schlafetage über mir meinten, ihre Jugend noch einmal nachholen zu müssen. Erst führten sie unfassbar laute Flüstergespräche wie zwei halbbetrunkene Teenager und später, nach einem energischen Anpfiff des französischen Pilgers im Nachbarbett, stellten sie ihr Programm dann um auf gemeinschaftliches Schnarchen. Auch nicht besser.
Naja, ich hätte wohl auch ohne Schnarcherei schlecht geschlafen. Erste Camino Nächte im Mehrbettzimmer sind immer eine grobe Herausforderung für mich Schlafmimose.
Die Wucht der Kathedrale ist im Morgengrauen noch genau so beeindruckend wie am Vortag unter strahlendem Himmel. Als ich den Innenraum durch den Nebeneingang betrete, hängen bereits etliche Pilgergestalten in den Bänken. Ihre Rucksäcke stehen fein säuberlich aufgereiht an der Seite, eine Nonne weist mich ein, um einen Platz für mein gutes Stück zu finden. Dann geht es auch schon los mit meiner ersten französischen Messe.
Leider ist meine Konzentration noch etwas bröckelig, zu viele Eindrücke und Gedanken strömen auf mich ein, um dem genauen Wortlaut folgen zu können. Ich merke jedoch, dass die Messe sich bereits nach 25 Minuten dem Ende entgegen neigt.
Da hat der Priester echt Gas gegeben, aber für einige ungeduldige Seelen reicht nicht mal dieser Turbobeter. Noch bevor es zum abschließenden Pilgersegen kommt, laufen sie quer durch die Kirche zu ihren geparkten Rucksäcken und verlassen mit mehr oder weniger Getöse die unvollendete Veranstaltung wieder durch den Nebeneingang.
Sind wir hier im Fußballstadium, wo man 5 Minuten vor dem Abpfiff seine Plätze verlässt, um nicht zu lange im Stau stehen zu müssen?
Ich finde das ganz schön respektlos allen Beteiligten gegenüber, inklusive dem hölzernen Jakobus. Der sieht seit Jahrhunderten täglich solche Szenarien und blickt daher mittlerweile ein wenig leer ins Rund.

Es folgt eine kurze Nationalitätenabfrage per Handzeichen. Die Franzosen sind sowas von in der Überzahl. Wer noch nicht hat, erklärt der Priester, kann auch noch schnell einen Pilgerpass für den Weg erwerben. Dann führt er aus, was es mit Stift und Papier in der kleinen Kiste vor der Jakobusstatue auf sich hat und das verstehe ich etwa so: "Schreibt Euer Herzensanliegen auf einen Zettel und werft ihn in den Schlitz davor. Wir sortieren die Zettel später nach Sprachen. So können jeden Tag Pilger die Zettel mit den Anliegen in ihrer Muttersprache bekommen und mit auf ihren Weg nehmen. Dort vorne (Handzeichen zur Nonne am Beistelltisch) findet ihr den Karteikasten mit den geschriebenen Notizen zum mitnehmen. Betet unterwegs für diejenigen und die Wünsche, die sie für ihren Weg formuliert hat. Bon chemin! Wir öffnen jetzt die Pforte!”
Das, was kommt, ist wirklich beeindruckend. Im Mittelgang der Kirche teilt sich ein Gitter, faltet sich nach oben zu einem Geländer auf und gibt den Blick auf eine steile Treppe nach unten frei, an deren Ende, wie am Ende eines Tunnels, Licht leuchtet.
Nachdem ich meinen Wunschzettel eingeworfen und bei der Nonne einen der wenigen deutschsprachigen Zettel aus der Kiste gezogen habe, verlasse ich fasziniert, wie alle anderen auch, die Kirche über diesen frontalen Ausgang, der bis zum Abend geöffnet bleibt.
Ein, zwei, drei Fotos von Le Puy, dem Ort, der mir gerade noch schattig zu Füßen liegt, dann gehe ich endlich los. Das Kopfsteinpflaster unter meinen Füßen, die Kathedrale im Rücken und die Via Podiensis vor mir. Nur das schnelle Klackern meines Herzens und einiger nicht gedämpfter Treckingstöcke ist zu hören, sonst sind noch alle ohne Worte.
Mist, auch meine Gummipuffer liegen gut zuhause. Aber da sehe ich schon einen Pilgershop, der um die Zeit (noch vor 8 Uhr!) ungewöhnlicherweise schon geöffnet hat. Wahrscheinlich kann er sich dem wirtschaftlichen Anreiz, ausgelöst durch den frühmorgendlich vorbeiziehenden Pilgerstrom, nicht entziehen.
Fünf Minuten später stehe ich samt Gummipuffer an den Stöcken wieder auf der Straße.
Der Weg verlässt die Stadt zügig und schon einen kräftigen Anstieg später ist Le Puy für immer verschwunden. Im Blick bleiben dagegen die Pilger, die sich vor, hinter und neben mir die Anstiege hinaufschieben. Heute ist für mich der Tag der ersten Begegnungen. Hinter oder vor oder in jedem Rucksack verbirgt sich eine einzigartige Geschichte, und ich erinnere mich sofort wieder: Der Camino, in Frankreich: der "Chemin", besteht vor allem aus den Menschen, die ihn gehen. Alleine die Geschichten der Pilger, mit denen ich in diesen ersten Stunden
spreche, würden den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Aber wer weiß, vielleicht begegnen wir der einen oder anderen später noch einmal.

Auf jeden Fall verkürzen mir Gespräche die ersten Kilometer sehr. Dennoch nehme ich wahr, dass weitere kräftige Anstiege folgen. Die Sonne steigt ebenfalls. Gegen Mittag sind es 31 Grad. Diese Kombi macht den Aufstieg auf das Vulkanplateau des Velay noch anstrengender.

Linkerhand vom Weg fällt das Gelände ab und man hat herrliche Blicke über das tief eingeschnittene Tal, an dem man auf der Höhe eine Weile entlanggeht, bevor man es hinter sich lässt. Die Landschaft ist schön, der Weg einfach, ohne Schwierigkeiten.

Chapelle Saint Roch, kurz vor Montbonnet
Kurz vor Montbonnet steht eine sehr schöne Kapelle am Wegesrand: die Chapelle Saint Roch (ursprünglich aus dem 11. Jahrhundert). Der richtige Platz für eine ausgiebige Pause. Während ich mich im Schatten ausruhe, beobachte ich einen jungen Pilgermann, der barfuß auf dem Dach der Kapelle herumklettert. Okay. Kann man machen, muss man aber nicht.
Nach der Kapelle ist es nicht mehr weit bis Montbonnet. Der kleine Ort hat ein Herz für seine an diesem Tag bereits halb vertrockneten Besucher: die erste offene Bar seit Le Puy. Mehrere Tische sind schon voll mit französischen Pilgern besetzt, die meisten von Ihnen werden noch weiterziehen nach Saint-Privat D'Allier. Ich nicht. Ich schütte mir zusammen mit Linda aus Quebec und der jungen Französin Orla, die mit Zelt und ohne viel Geld unterwegs ist, eiskalten "Sirop au citron" die Kehle hinunter. Die Stimmung ist bestens.
Und das bleibt auch so in der Herberge, die wir später beziehen. Der erste Abend vergeht in einer tollen Runde mit den großartigen Gastgebern Fanny & Mehdi und dem ersten französischen Drei-Gänge-Menu wie im Flug.
Fanny bereitet uns mental auf den folgenden Pilgertag vor, der einen etwas anspruchsvolleren Abstieg beeinhalten soll: "Passt gut auf hinter Rochegude morgen! Der Abstieg ist orange eingestuft! Orange!!! Konzentration auf den Weg, kein Geplappere, keine Handys in der Hand, keine Vögel in der Luft anstarren!". Das klingt bei ihr mehr nach einer bevorstehenden Katastrophe als nach sachdienlicher Aufklärung. Zu meiner eigenen Überraschung bin ich sehr entspannt. Wenn jedes Jahr 30.000 Personen aller Altersstufen es nach unten schaffen, werde ich das wohl auch hinkriegen.
Dann ist es schon Zeit sich auszustrecken für die Nacht. Das Bett ist bequem, sauber. Wir liegen zu sechst im Zimmer, zwei Ü60 Herren inclusive. Allerdings nicht dieselben wie gestern, denn sie bleiben still. Offenbar gibt es auch Modelle mit Nachtmodus.
Erste Übernachtung: Pilgerunterkunft Gite L'escole in Montbonnet
Tagesfazit: Die ersten 17 aufregenden, anstrengenden, aber gut machbaren Kilometer nach einem Gänsehaut-Auftakt in Le Puy. Schöner Weg ohne besondere Herausforderungen oder Eskalationen. Das erste zarte Pilgerfeeling hat sich besonders abends am gemeinsamen Essenstisch gezeigt. Habe mich sehr wohl gefühlt.
Kann es noch schöner werden? Bestimmt. Aber erstmal vielen Dank für diesen ersten entspannten Pilgertag und vor allem diese ruhige Nacht!
Etappe 1 auf einen Blick
Start: Le Puy
Ziel: Monbonnet
Entfernung: ca. 17 km
Höhenprofil: kontinuierlicher Anstieg über 530 Hm
Highlights: Frühmesse mit Segen in Le Puy, Kapelle Saint Roch
Der nächste Etappenstopp heißt für mich: Monistrol D'Allier
Wenn du Frau Pilgerhut weiter durch Frankreich begleiten willst, lies weiter im nächsten Beitrag.
Alle Kommot-Tracks unter meinen Beiträgen habe ich selbst mit meiner Garmin Fenix Uhr aufgenommen. Es handelt sich um Bruttozeiten vom Start bis manchmal weit nach der Ankunft, inklusive sämtlicher Pausen, Trödeleien und Vergesslichkeiten. Sie sind nicht als Richtwerte für Gehzeiten zu verstehen.
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