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Pilgern auf der Via Gebennensis: St.-Julien-Chapteuil - Le Puy

  • Autorenbild: Pilgern unter einem Hut - Unterwegs mit Sandra
    Pilgern unter einem Hut - Unterwegs mit Sandra
  • 21. Jan.
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 22. Jan.

Via Gebennensis - Tag 20 - Ankunft in Le Puy



Morgenstimmung in St-Julien-Chapteuil
Morgenstimmung in St-Julien-Chapteuil

Endlich: Käse mit acht Beinen


Morgens gehe ich in St. Julien gemeinsam mit Christine, Sigo und Michel auf den kleinen Markt. Am Käsestand frage ich nach dem berühmten fromage artisou, von dem ich nun schon so viel gehört habe – jener besonderen Spezialität, bei der winzige, lebende Käsemilben dabei helfen, die Kruste zu formen. Und siehe da: Ich habe heute Glück. Nicht nur ist er da, ich darf sogar ein Stückchen probieren.



Von der Kunst die letzten Kilometer zu gehen


Als ich nach dem Markt zusammen mit den anderen auf die letzten Etappe der Via Gebennensis aufbreche, horche ich in mich hinein, ich bin vieles, nur nicht euphorisch. Klar, ich bin gespannt auf Le Puy, ungeduldig die markanten Felszacken mit der Kirche endlich zu sehen, aber auch nachdenklich. Und ein wenig traurig. Traurig, dass diese Pilgerreise in Kürze zu Ende sein wird.

Ich finde letzte Etappen schwierig zu beschreiben. Der Fokus - mein Fokus - liegt an diesen Tagen immer schon auf dem Ankommen und nicht mehr auf dem unterwegs sein. Blöd eigentlich, aber so ist es bei mir.

Die Strecke heute ist nicht besonders attraktiv. Es geht schon viel und verkehrsreich an Straßen entlang. Nicht spektakulär anstrengend, aber schon fordernd. Zwischendurch zeigt sich die Landschaft der Haute-Loire aber auch von ihrer schönen Seite: Mein Blick schweift über weite Hochflächen auf denen Pferde mit stoischer Gelassenheit grasen und über Wege, die so aussehen, als hätten sie schon sehr lange sehr viele Geschichten gehört.



Auf den letzten Kilometern überqueren wir die Loire, mit Blick auf die zwei noch vorhandenen Bögen einer wesentlich älteren Brücke aus dem 12. Jahrhundert. Das ist bei Brives-Charensac, dem letzten Ort vor Le Puy-en-Velay.



Und dann taucht es tatsächlich auf. Nicht plötzlich, nicht effekthascherisch – eher so, als würde sich die Stadt Zeit nehmen, um begrüßt zu werden. Man geht unter den Bögen dieser riesigen Eisenbahnbrücke her ...


Vulkanlandschaft mit den "sucs" in der Region Haute Loire
Eisenbahnbrücke in Le Puy

...weiter durch einen Park ... und dann sieht man sie. Schon von weitem wirken die vulkanischen Felsen, auf denen sich die Kapelle Saint Michel d' Aiguilhe und die Marienstatue erheben, fast surreal.


Kapelle Saint Miche d' Aiguilhe
Kapelle Saint Miche d' Aiguilhe

Als hätte jemand entschieden, dass ein Ort für Pilger bitte auch ein bisschen überirdisch aussehen darf. Kein Wunder also, dass Le Puy-en-Velay zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.

Der Moment des Ankommens ist für mich wieder anders als vorgestellt, schon irgendwie unspektakulär, aber zugleich auch überwältigend. Zwar drei Tage später als veranschlagt, aber das ist ja total egal. Ich muss nicht mal Husten zur Feier des Tages. Ich gehe durch die Straßen, vorbei an Cafés, Pilgerunterkünften, Läden – und plötzlich steht sie da direkt vor einem: die Kathedrale Notre-Dame du Puy. Mächtig, eigenwillig, wunderschön, auf einer Anhöhe thronend, die man sich erst verdienen muss. Natürlich führt kein Weg daran vorbei, diese letzten Stufen auch noch zu erklimmen.



Diese Kathedrale ist mehr als ein Bauwerk. Sie ist Ziel, Ursprung und Versprechen zugleich. Seit Jahrhunderten kommen Pilgerinnen und Pilger hierher, um aufzubrechen, vorbeizuziehen – oder anzukommen. Le Puy gilt als einer der wichtigsten Ausgangspunkte der französischen Jakobswege, ein Ort, mit einer eigenen Magie. An dem sich Wege kreuzen und Entscheidungen reifen.



Drinnen ist es kühl und still. Ich schaue mich in der Kirche um, sehe die Jakobusstatue, die vielen Kerzen davor. Hier ist pilgertechnisch schon definitiv mehr los. Allein jetzt sind in der Kathedrale mehr Pilger, als ich auf der kompletten Gebennensis getroffen habe.

Aber kein großes Pathos, sondern eine Atmosphäre, die einen unaufgeregt einfängt. Ich setze mich, lege den Rucksack ab – symbolisch und ganz real – und lasse die Reise nachhallen.

Was mich überrascht, ist weniger die Ergriffenheit, als die Ruhe, die einkehrt. Ein leises Gefühl von „Ja, genau so“. Ich denke an die ersten harten Tage, an den Husten, an die Zweifel, an den schrecklich einsamen Tag im Nebel und den Mann, der mir in der Hitze Wasser gegeben hat. Ich denke an Francoise, die in Les Abrets nach mir gesucht hat, an den Abschiedsgesang in der Pilgerherberge in Chavanay, an Gespräche an französischen Abendbrottischen, an die Klatschmohnfelder, meine Mitpilger in den letzten Tagen.

Und daran, wie sich der eigene Blick verändert, wenn man lange genug einfach nur geht.

Als ich die Kirche verlasse, voller Dankbarkeit, und auf der obersten Treppenstufe stehe, unter mir die Dächer von Le Puy, überfällt mich dann doch noch etwas Pathos, einem Impuls folgend recke ich die Faust gen Himmel. Diese Reise war nicht dazu da, mich irgendwohin zu bringen. Sie war dazu da, mich mir selbst wieder ein Stück näherzubringen. Und vielleicht ist das der eigentliche Sinn des Pilgerns: nicht den Weg zu finden, sondern sich auf ihm verlieren zu dürfen – im Vertrauen darauf, dass genau das genug ist.



Le Puy-en-Velay ist ein Ort, der nichts beweisen muss. Seine Schönheit, seine Geschichte, seine Bedeutung für Pilger sprechen für sich. Vielleicht liegt genau darin seine Kraft: Er empfängt einen nicht mit Trompeten, sondern mit offenen Türen und Muscheln in den Straßen. Man darf ankommen, so wie man ist – müde, stolz, erleichtert, dankbar.




Seht her! Wer hätte gedacht, dass ich tatsächlich hier stehen würde? Nach 350 Kilometern vor den Toren von Le Puy, mit dankbarem Herzen, müden Beinen und diesem stillen, kaum zu erklärenden Lächeln im Gesicht.  Ich vor fast drei Wochen jedenfalls nicht, als ich hustend wie ein alter Diesel beim Kaltstart in Genf losgezogen bin. Dabei muss man nur Vertrauen haben. In die heilende Kraft des Weges und in sich selbst. Obwohl ich das weiß, tendiere ich dazu dies hin und wieder zu vergessen. Deshalb bemale ich Pilgersteine und schleppe sie mit mir herum. Dieser kleine türkise Stein hat mich bis nach le Puy begleitet und mich öfters unterwegs daran erinnert: Du kannst alles schaffen.


20. Übernachtung: Appartement in Le Puy


Ich wollte gerne die letzte Nacht alleine und in einem Appartement verbringen, mit der Möglichkeit zu essen, kommen und zu gehen, wann immer ich will, deshalb habe ich mich für eine kleine Wohnung entschieden, die ich online über Booking gebucht hatte. Die Lage war aber nicht optimal, das nächste Mal, also im nächsten Jahr, werde ich eine Übernachtung suchen, die näher an der Kathedrale ist. In Le Puy gibt es jede Menge Möglichkeiten, denn ab hier startet die Via Podiensis, die wesentlich mehr frequentiert ist, als die Gebennensis.


Allerletztes Fazit:


Landschaftlich beeindruckend schön war die Via G., freundlich, hilfsbereit und höflich ihre Einwohner, aber sie ist nicht zu empfehlen für Gemüter, die gerne die Gemeinschaft und Begegnung der Einsamkeit unterwegs vorziehen.

Wenn euch mein Via-G- Blog gefallen hat, lasst mir gerne einen Kommentar hier. 2026 geht es weiter ab Le Puy bis nach Saint-Jean-Pied-de-Port.




Kommentare


Die Frau (unterm) Pilgerhut:

Kopie von 20220422_192619_edited_edited.jpg

Autorin | Pilgerin | Pilgersteinmalerin | Hobbyfotografin |

4 Jakobswege = 1650 km

Buen Camino!

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