Pilgern auf der Via Gebennensis: Saint-Jeures - St.-Julien-Chapteuil
- Pilgern unter einem Hut - Unterwegs mit Sandra

- 18. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Jan.
Via Gebennensis - Tag 19 - 1285 Hm: Am Höchsten Punkt
Aufbruch in Saint-Jeures
Wie sehr ich dieses Frankreich in mein Pilgerherz geschlossen habe. Das Ende meines Weges naht. Heute ist die vorletzte, eine nochmal anstrengende, Etappe und ich verlasse das Haus am Morgen kurz nach den Anderen. Mit gemischten Gefühlen. Ich freue mich sehr auf Le Puy, denn vor drei Wochen war ich mir äußerst unsicher, ob ich es mit meinen angeschlagenen Bronchien überhaupt dorthin schaffen würde. Andererseits bin ich traurig, dass diese Pilgerreise nun schon bald wieder endet. Ich hatte tatsächlich seit meiner letzten Pilgertour ein wenig vergessen, wie gut mir dieses wochenlange Gehen - trotz der Anstrengung - körperlich und geistig tut und wie sehr es mich entspannt und mir neue Energie gibt.
Wir möchten heute alle ein wenig für uns alleine auf Le Puy zulaufen, die fünf sympathischen Franzosen Sylvie, Jean-Noel, Michel, Sigolène und Christine, die ich zusammen mit Elisabeth, der Österreicherin und Andreas, dem Kemptener, die letzten Tage immer wieder getroffen habe, und ich. Gegen Ende meiner Via habe ich zwar nicht gesucht, aber dennoch auch in Frankreich eine kleine Caminofamilie gefunden, der ich Zuneigung entgegenbringe. Es fühlt sich genau richtig an für mich, dieses Gefühl, einerseits frei und allein unterwegs zu sein und gleichzeitig auch Teil einer Gemeinschaft zu sein. Eine, die Spaß macht, offen ist und sich gegenseitig unterstützt. Ich freue mich jedes mal wieder, wenn ich die Erfahrung mache, dass dies auch länder- und sprachenübergreifend funktioniert. Ich bin ziemlich sicher, dass ich die Pilgerbande im Laufe des Tages, spätestens aber morgen in Le Puy, wiedersehe. Von Sigolène und Christine, den beiden Frauen, die ich das erste Mal in Les Setoux vor der Kapelle traf, weiß ich zudem schon, dass wir abends dasselbe acceuil jaquaire teilen werden.
Willkommen im Land der "Sucs"
Die anderen werden mir später erzählen, dass dieser Abschnitt eine ihrer Lieblingsetappen ist. Für mich trifft das fast zu; der Ausblick an diesem sonnigen Tag vom Kamm des Massiv du Megal beim Miniweiler Raffy, dem mit 1285 Metern höchsten Punkt meiner Pilgerreise, ist bezaubernd, die Fernsicht hinunter in die Ebene hervorragend. Ich lasse mir von einem alten Einheimischen, der im Garten arbeitet, erklären, was ich sehe. Vor mir liegt eine hügelige Landschaft mit 80 Vulkanen. Sie wird auch liebevoll das Land der “Sucs” genannt, mit diesen merkwürdigen, längst erloschenen Vulkandomen, die in Europa einzigartig sind. Mit ihrer zuckerhutförmigen Silhouette ragen sie aus der Erde empor, mitten in die weite offene Landschaft zwischen der Loire und grünen Tälern. Heute schlafen diese von Nadelbäumen bewachsenen Vulkane, aus denen einst Magma aufstieg, langsam herausfloss und schnell erstarrte, wodurch keine spitzen Kegel, sondern eben diese sanften, kuppelartigen Formen entstanden.


Weiter nach Queyrieurès mit seinem markanten Basaltsteinfelsen
Raffy ist ungefähr die halbe Miete meiner Via Gebennensis Etappe 19, gleichzeitig treffen sich hier drei Fernwanderwege. Die GRs 40, 430 und 65 kreuzen die Strecke.
Nach knapp 500 Höhenmetern bergauf ist der anstrengendste Part nun glücklicherweise vorbei und es geht den Rest des Tages wieder ordentlich bergab, zunächst vorbei an Queyrierès. Queyrierès ist mit seinen alten Steinhäusern und Schieferdächern ein Blickfang. Das Dorf wurde auf einer kleinen Ebene um einen Hügel herum gebaut, der von den Einheimischen "der Felsen" genannt wird und aus vulkanischem Basaltgestein besteht. Der Ort erinnert mich ein bisschen an ein Freilichtmuseum. Früher, im 11. Jahrhundert, soll es hier sogar eine Burg gegeben haben, von der fehlt allerdings heute jede Spur.
Der Jakobsweg führt zwar nicht direkt durch das Dorf, aber ich möchte dort eine Pause machen und auch einen genaueren Blick auf die Häuser und den Felsen werfen. Deshalb nehme ich einen kleinen Umweg in Kauf.


Eine selbstgebaute "Beinahe-Kirche"
Frisch gestärkt geht es eine Stunde später zurück auf die Via Gebennensis, die zunächst identisch ist mit einer asphaltierten Straße, diese aber dann verlässt und einem steinigen Weg bergab, durch Kiefern und vereinzelte Laubbäume, folgt. Bis man etwa nach drei Kilometern im Dorf Monedeyres steht, wo ich ein charmant aus Vulkanstein gemauertes Gebäude, für mich klar als Kirche erkennbar, bewundere.

Aber der Eindruck täuscht, rein religiös betrachtet ist es nämlich keine. Dazu gibt es diese Geschichte: Das Dörfchen Monedeyres wurde vor Queyrières gegründet, hatte aber keine eigene Kirche. Erschöpft von der beschwerlichen Reise zu Fuß in Holzschuhen von ihrem Dorf hinauf zur Kirche in Queyrières, machten sich die 600 Einwohner von Monedeyres, irgendwann an den Bau ihrer eigenen Kirche, auf eigene Kosten. Der letzte Stein wurde 1914 gelegt. Aber der wenig entgegenkommende Bischof weigerte sich, die Kirche zu weihen, da er die in Queyrières für ausreichend hielt. Kein Weihwasser, keine Kirche. Merci beaucoup. Ende der Geschichte.
Heute ist die ungeweihte Kirche in Monedeyres ein Ort der Andacht und der Geselligkeit. Mehrmals im Jahr treffen sich die Dorfbewohner dort zu einem Festmahl. Wie ich finde, eine gute Idee. Und ein sehr schönes Gebäude, dass die Menschen dort gemeinsam gebaut haben.

Letztes Stück nach Saint-Julien-Chapteuil
Auf den letzten Kilometern passe ich nicht so gut auf die Markierungen auf, weshalb ich mich kurz darauf verlaufe, aber nicht dramatisch, gps sei Dank. Normalerweise ist der Weg sehr gut beschildert.
Angekommen in St.-Julien, treffe ich in meiner Unterkunft wieder auf Sigolène und Christine. Wir machen noch einen abendlichen Spaziergang durch den gefälligen Ort und in die Kirche auf dem Hügel. Es ist Sonntag. Und der Hund begraben. Kein Mensch auf der Straße, alle Geschäfte und Cafés geschlossen. Wir bringen in Erfahrung, dass morgen früh Markt in Saint-Julien ist. Das klingt gut - vielleicht gibt es hier ja einen Käsestand mit dem sagenumwobenen Spinnenkäse?
Mein letzter freudiger Gedanke vor dem Einschlafen: Morgen werde ich die Felsnadeln von Le Puy endlich sehen!
19. Übernachtung: war in einem accueil jacquaire ...
... welches ich hier nicht zeigen oder empfehlen möchte. Ich habe in einem stockfinsteren und muffigen Raum im 19. Jahrhundert-Ambiente in einem uralten Doppelbett, Marke Großeltern der Hausherrin, geschlafen. Zugang zur Toilette nur über eine Treppe und ein Durchgangszimmer in dem die beiden anderen Pilgerinnen schliefen. Mehr als gewöhnungsbedürftig und nicht sehr einladend.
Aber: Es gibt in Saint-Julien direkt neben der Kirche die Gite: L' echo des Songes. Sie macht optisch von außen einen besseren Eindruck und die beim zweiten Mal, sicher meine Wahl wäre. Allein das Schild und die Wettervorhersage für Pilger haben mir gut gefallen:
Der letzte Etappenstopp heißt für mich: Le Puy-en-Velay
Wenn du Frau Pilgerhut beim Zieleinlauf nach Le Puy begleiten willst, lies die Fortsetzung im nächsten Beitrag.
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