Pilgern auf der Via Gebennensis: Etappe 16 Saint-Julien-Molin-Molette - Les Setoux
- Pilgern unter einem Hut - Unterwegs mit Sandra

- 6. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 6 Tagen
Lies unten, warum Bourg Argental Frau Pilgerhut in unangenehmer Erinnerung bleibt
Via Gebennensis - Tag 16 - Bergetappe über den Tracolpass

"Tour de France Bergankunft heute"...
...nur ohne Fahrrad. Und mein Funktionsshirt ist auch nicht gepunktet. Dafür Topwetterbedingungen. Früh starte ich, denn ich habe mir einiges vorgenommen für heute. Knapp 1000 Meter geht es bergauf zwischen Saint-Julien-Molin-Molette und Les Setoux, verteilt auf eine Gesamtlänge von 25 Kilometer.
Die Via Gebennensis führt zunächst über schöne Hikingtrails mit tollen Aussichten, vorbei an einem alten, verfallenen Gehöft, das schon bessere Tage gesehen hat, aber mit seinem hölzernen Wagen den Charme längst vergangener Jahrhunderte versprüht.

Ich bin gemeinsam mit dem Franzosen Michel unterwegs, dem ich gestern das erste Mal begegnet bin. Er kennt sich gut aus in der Region und erklärt mir viel über Land, Leute und die über uns kreisenden Raubvögel. Bislang keine Geier. Das gibt Hoffnung.
Michel gibt sich viel Mühe langsam und deutlich zu sprechen, so dass ich ihn zu meiner Freude gut verstehen kann. Nach etwas sieben gemeinsamen Kilometern erreichen wir Bourg Argental, ein mit 3000 Einwohnern etwas größeres Städtchen, wo ich der Kirche Saint-André einen Besuch abstatten möchte. Michel verlässt mich hier. Er geht direkt weiter.

Pause in Bourg Argenthal
Nachdem ich das Zentrum und die Kirche, in die für die Verehrung ihrer schwarzen Madonna bekannt ist, besucht habe, setze ich mich in ein Café an der Hauptstraße und bereue diese Entscheidung kurz darauf, trotz feinem Tee. Alle zwei Minuten knattern diverse Jugendliche auf ihren getunten Motorrädern vorbei und geben dabei mal so richtig Gas. Die Motoren heulen, meine Ohren auch. Ein nervenfressender Zeitverbreib, der mir gewaltig auf den Keks geht. Ich flüchte auf den Markt, kaufe mir dort noch eine Quiche Lorraine und etwas Obst für den weiteren Weg zum Pass Col du Tracol, der noch unsichtbar hinter einigen Kehren und Hängen auf mich wartet und mit etwas über 1000 Metern den höchsten Punkt des Tages markieren wird.
Die Via Fluvia
Dann verlasse ich den Ort, folge zunächst dem Bach stadtauswärts, bevor die erste steilere Passage auf einem kleinen Pfad durch den Wald folgt, der schließlich auf die "Via Fluvia" mündet, eine geteerte Straße, auf der dieser 90 Kilometer lange Radwanderweg Richtung Loire, also nach Westen, führt. Konzipiert wurde die Via Fluvia für Fahrräder und Wanderer, die naturnah die Regionen Loire, Haute-Loire und Ardèche erleben wollen. Ich gehe heute also ein Stück dieser ausgeschilderten Route, die einst eine Eisenbahntrasse war. Sie führt mich auch über ein altes Viadukt, das "Viaduct de la Poulette". Radfahrer begegnen mir allerdings keine, dafür mehrere alte Brücken.
Pass zum Col de Tracol
Nach dem ersten längeren Anstieg pfeife und huste ich ähnlich wie die Lok, die früher hier entlang gefahren sein muss. Zu meiner Begeisterung findet sich tatsächlich ein Rastplatz mit mehreren Tischen und Bänken, ein Anblick, der in den letzten Tagen doch sehr rar geworden ist. Sehr willkommen, um ein paar Energiereserven nachzufüllen.
Ich hab kaum meine Banane zum Abbiss bereit, da schiebt sich tatsächlich ein weiterer Pilger den Berg hinauf: Andreas aus Kempten im Allgäu, der ebenfalls erfreut ist mal wieder ein bisschen Gesellschaft zu haben, gesellt sich zu mir. Andreas hat Arthrose im Knie, deshalb ist er nicht mit Hyperschall ausgerüstet wie der Rest der männlichen Pilger, die ich bisher getroffen habe. Heißt, wir harmonieren läuferisch gut und gehen erstmal gemeinsam weiter. Irgendwann verlassen wir die Asphaltstraße und folgen einem breiten Forstweg weiter bergauf, größtenteils durch viel Wald, bis wir die Passhöhe erreicht haben. Hier betreten wir auch das letzte der fünf Departements auf dem Weg von Genf nach Le Puy: Haute Loire. Danach ist es nicht mehr weit bis nach Les Setoux. Vom Dorf aus hat man bei guten Wetter Fernsicht und einen wunderschönen Blick auf die Berge der Umgebung.

Eine seltene Gelegenheit
Gänzlich unerwartet kommt noch mehr Glück dazu: im Dorf Les Setoux, relativ im Nirgendwo, finden wir, ziemlich durstig, ein kleines süßes Café mit Jakobsmuschel an der Tür, das auch noch geöffnet hat. Unmöglich vorbei zu gehen.

Andreas, der alte Allgäuer, gönnt sich zwei Bierchen, ich trinke meinen obligatorischen Tee, dann muss er für seine Übernachtung noch 4 Kilometer den gerade erst erklommen Berg wieder runtergehen. Ich bin froh, das mir das erspart bleibt. Ich finde meine Gite nicht weit vom Café und sogar noch VIER weitere Pilger, die dort ebenfalls schlafen. Hier muss irgendwo ein Nest sein. Ich mache Bekanntschaft mit Elisabeth aus Wien, Sylvie und ihren Mann Jean-Noël aus Val d'Isère und Beat aus der Schweiz.
Beat zeigt sich genervt, weil alle Deutschen und Österreicher immer zunächst verstehen er heiße Bert, wie die gelbe Rübe aus der Sesamstraße. Ich muss innerlich grinsen, er sieht besser aus als Bert, finde aber, dass er das Problem mit seinem Vornamen selbst Schuld ist, weil er schon ziemlich undeutlich spricht. Beat-Bert ist "andersherum" unterwegs. Er läuft aus Bordeaux kommend zurück in seine schweizerische Heimat. Das französische Paar ist megafreundlich und auch Elisabeth legt ihre anfängliche Zurückhaltung schnell ab. Beat hält noch einen kleinen Vortrag über eine Baumperle, die er gefunden hat (Baumperlen? - musste ich erstmal googeln), dann zieht er sich zurück. Ich nutze die Gelegenheit und schaue mir mit Elisabeth vor dem Abendessen noch die sehenswerte Kapelle in Les Setoux an, vor deren Eingang ein Brunnen für Pilger steht. Dort treffen wir noch auf zwei weitere, sehr freundliche Pilgerinnen, Französinnen, die allerdings privat im Ort übernachten. Mir ein Rätsel, wo plötzlich so viele herkommen.

In unserer Herberge essen wir gemeinsam zu Abend. Als Hauptspeise gibt es heute (für mich zum 2. Mal auf der Via) eine Caillette und diesmal hab ich die Spezialität sogar fotografiert, samt dem Rösti. Nach dem Essen ziehe auch ich mich sehr bald in mein Gemach zurück und mach die Augen zu. Für mich war es ein langer Wandertag und körperlich durchaus sehr fordernd. Für Morgen habe ich erneut unschöne Schwankungen auf der Höhenmeteranzeige entdeckt. Naja, vielleicht schiebt die über Nacht ja noch jemand beiseite.
16. Übernachtung: Les Setoux: Gite Le Combalou
Am Ortsausgang von Les Setoux gelegen. Empfehlenswerte hübsche, kleine Herberge mit üppigem Essen, aber auch Selbstversorgerküche und freundlichem Besitzer, der nur mal kurz zwischendurch reinschaut, um alles zu erklären und die Formalitäten zu erledigen.
Der nächste Etappenstopp heißt für mich: Montfaucon-en-Velay
Wenn du Frau Pilgerhut weiter durch Frankreich begleiten willst, lies die Fortsetzung im nächsten Beitrag.
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