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Via Podiensis Etappe 9: Saint-Come-D'Olt - Estaing | Erfahrungsbericht, Tipps & Highlights

Autorenbild: Pilgern unter einem Hut - Unterwegs mit Sandra
Pilgern unter einem Hut - Unterwegs mit Sandra
vor 10 Stunden
5 Min. Lesezeit

Saint-Come-D'Olt - Estaing 17,5 Km

Saint-Come-d’Olt über Espalion nach Estaing. Dies ist das zweite von insgesamt sieben Teilstücken, die 1998 von der UNESCO als besonders erhaltenswert eingestuft worden sind. Der Lot ist teilweise mein Weggefährte, die Landschaft wird grüner. Hügelig ist es sowieso überall. Wieder ganz großes Kino für 's Auge. Jedes Örtchen, durch das ich gehe, schöner als das andere. Espalion finde ich persönlich den Oberhammer. Aber auch Estaing fährt schwere Geschütze auf: eine ziemlich imposante Burg mitten im Ort, bei der man fast erwartet, dass Rapunzel jeden Moment ihr Haar aus dem Turm herunterlässt. Das Schlösschen gehört dem früheren französischen Präsident Giscard d'Estaing. Name ist Programm.



Am Lot liegen die Highlights

Schon seit gestern bin ich im Département Aveyron unterwegs. Gut 100 schicke Kilometer vor mir, bevor es weiter ins Département Lot geht.

Recht früh am Morgen kehre ich Saint-Côme-d’Olt den Rücken, überquere die Brücke und folge zunächst ein Stück dem Lot, der momentan eher durch überschaubare Wassermengen auffällt. Dann habe ich die Wahl: der klassischen Jakobsweg-Route folgen, d.h. den nächsten Hügel erklimmen und mich Espalion von oben nähern – oder die flache Variante direkt am Fluss entlang nehmen. Bei der zweiten Möglichkeit entgeht mir zwar die Statue auf dem Berg, aber die romanische "Église de Perse" lässt sich trotzdem über einen kleinen Umweg erreichen.

Weltkulturerbe-Route hin oder her: Mir ist heute tatsächlich mehr nach flach zumute. Also entscheide ich mich für die gelenkschonendere Variante. Die hat allerdings einen Haken: Sie ist auch bei Rennradfahrern beliebt. Und Radfahren ist bekanntlich ein Sport, den die Franzosen lieben.

Ob die alle noch schnell für die Tour de France trainieren, die in gut drei Wochen startet? Zumindest könnte man diesen Eindruck gewinnen. Ich jedenfalls übe mich im "Bonjour" rufen (gefühlt im Sekundentakt) sowie im Ausweichen. Das hält Lippen und Hüften beweglich und spart vermutlich das eine oder andere Gespräch mit der französischen Notaufnahme.


Beobachtungen

Das pilgernde Volk kennt sich inzwischen schon ganz gut. Man begegnet sich tagsüber an den Pausenplätzen und abends in den Gîtes. Auf diesem Abschnitt fühlt sich das Pilgern tatsächlich ähnlich an wie in Spanien.

Heute habe ich morgens erst einmal ein Stündchen mit Nadine aus der Bretagne verquatscht. Später bin ich mit Chantalle und Florence weitergezogen. Meine persönliche Pilgerstatistik bisher ergibt: Rund 90 Prozent der Menschen, die mir begegnen, sind Franzosen. Und von denen sind geschätzt 70 Prozent weiblich. Bei den Vornamen scheint wiederum Françoise besonders gute Karten zu haben. Gefühlt heißt jede dritte Pilgerin so. Eine belastbare Erhebung ist das natürlich nicht. Aber ich bin ja auch zum Pilgern hier und nicht beim Statistischen Bundesamt.


Romanische Kirche: Église de Perse


Kirche de Perse
Kirche de Perse

An der Église de Perse komme ich auf meiner Alternativroute nicht automatisch vorbei. Für die Kirche muss ich noch einmal einen kleinen Hügel erklimmen. Aber der zusätzliche Anstieg lohnt sich.

Die Kirche beeindruckt mit ihrem rötlichen Sandstein, dem kunstvoll gestalteten Portal und dem Tympanon über dem Eingang. Ein kleines romanisches Kulturpäuschen, bevor es weitergeht. Obwohl eher unbedarft, schaue ich mir die steinernen Details innen und außen genauer an. Der Name hat übrigens nichts mit den Persern zu tun, wie ich vermutet hatte, sondern mit dem Bach "Ruisseau de Perse", der in der Nähe vorbeifließt.


Pragmatismus auf Französisch



Ich muss richtig breit grinsen, als ich etwas später an einem außergewöhnlichen, im Wind schwankenden, Mast vorbeikomme. Die französische Stromversorgung scheint eine eher naturnahe Angelegenheit zu sein. Hier wird nicht lange gefackelt, sondern direkt im Grünen repariert. Ein paar Kabel, Neonspray, etwas Absperrband – fertig ist die in 1,80 m Höhe provisorische Dauerlösung. In Deutschland wäre bei diesem Anblick vermutlich längst die Sicherheitsfachkraft mit Warnweste, Prüfprotokoll und leicht erhöhtem Blutdruck angerückt, der Bereich weiträumig absperrt und eine Gefährdungsbeurteilung erstellt worden. Ob das Ganze den hiesigen Sicherheitsvorschriften entspricht, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich hoffe einfach, dass die Stromversorgung hält, bis ich außer Reichweite bin. Auf einen Belastungstest der französischen Elektrotechnik würde ich gerne verzichten wollen.


Postkartenidyll

Nicht lange danach kommt schon Espalion in Sicht.


Entlang des Lot kurz vor Espalion
Entlang des Lot kurz vor Espalion

Wo ist heute eigentlich das Schild, das den Ort als eines der schönsten Dörfer Frankreichs auszeichnet? What? Nicht vorhanden?

Vermutlich liegt es daran, dass Espalion mit rund 4.500 Einwohnern offiziell nicht mehr ganz in die Dorfkategorie passt. Schönheit hat eben doch ihre Grenzen. Manchmal scheitert sie an der Einwohnerzahl.

Schild hin oder her - Für mich ist es bisher der schönste Ort an der Via Podiensis: Die Pont Vieux, die alte Steinbrücke über den Lot, prägt zusammen mit den historischen Gerberhäusern am Ufer das Postkartenmotiv von Espalion – und damit auch das Titelfoto dieses Beitrags.

Ich bleibe stehen, schaue, fotografiere. Die alten Häuser und die Brücke spiegeln sich im Wasser. Alles wirkt so friedlich. Als wäre die Zeit tatsächlich stehengeblieben.

Wenn die Via Podiensis so weitermacht, muss ich meine bisherige Rangliste der Lieblingsetappen wohl schon wieder überarbeiten.

Espalion am Lot
Espalion am Lot

Noch mehr Postkartenmotive

Staunend schlendere ich durch Espalion und fülle in einem kleinen Krämerladen meine Proviantvorräte auf. Dabei komme ich mit dem älteren Ladeninhaber ins Gespräch. Aus dem kurzen Einkauf wird eine ausgiebige Unterhaltung.

Irgendwann muss ich trotzdem weiter. Mein nächstes Ziel ist Estaing, das ebenfalls auf der Liste der schönsten Dörfer Frankreichs steht.

Und tatsächlich, ich werde wieder nicht enttäuscht: Das Dorf wirkt, als hätte jemand das Château d’Estaing eigens dort platziert, um noch ein weiteres Postkartenmotiv zu produzieren. Noch mehr mittelalterliche Häuser, dazu der Lot und darüber das mächtige Schloss. Ich weiß es ja bereits: Frankreich kann Kulisse.

Und jetzt noch ein micro-fun-fact: Das Château gehörte einst der Familie d’Estaing und wurde 2005 von Valéry Giscard d’Estaing erworben, dem französischen Staatspräsidenten von anno Tobak. Er ließ das Schloss restaurieren und der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Man lernt auf dem Jakobsweg eben nie aus.


Estaing mit dem ziemlich ausgetrockneten Lot
Estaing mit dem ziemlich ausgetrockneten Lot
Das Chateau D'Estaing
Das Chateau D'Estaing

Haus mit privater Brücke über den Bach
Haus mit privater Brücke über den Bach

9. Übernachtung:   Gite Oasis del Camin in Estaing

Empfehlenswerte Gite, alles in Ordnung, allein bedauerlich (aber nicht schlimm), dass zum Aufhalten kein Außenbereich vorhanden ist. Toller Abend beim supersympathischen Gastgeber Cédric, der nach dem Essen die Gitarre rausholt und mit uns "Ultreia" und andere Songs singt und spielt.



Fazit zur neunten Etappe:

Supertruper! Meine neue Lieblingsetappe :)


Etappe 9 auf einen Blick

Start: St.-Come D'Olt

Ziel: Estaing

Entfernung: ca. 22 km

Höhenprofil: 350 Hm bergauf. 390 bergab.

Highlights: das Portal der Kirche du Perse; Postkartenort Espalion mit der Pont Vieu und Gerberhäusern; Estaing mit seinem imposanten Schloss

Der nächste Etappenstopp heißt für mich: Golinhak. Wenn du Frau Pilgerhut weiter durch Frankreich begleiten willst, lies weiter im nächsten Beitrag.

Alle Kommot-Tracks unter meinen Beiträgen habe ich selbst mit meiner Garmin Fenix Uhr aufgenommen. Es handelt sich um Bruttozeiten vom Start bis manchmal weit nach der Ankunft, inklusive sämtlicher Pausen, Trödeleien und meiner Vergesslichkeit am Ende auf Stopp zu drücken. Sie sind nicht als Richtwerte für Gehzeiten zu verstehen.



← Tag 8:
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Estaing - Golinhak

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