Via Podiensis Etappe 10: Estaing nach Golinhak | Erfahrungsbericht, Tipps & Highlights


D'Estaing-Golinhak 15 Km
Vom malerischen Estaing mit seinem imposanten Château geht es zunächst am Lot entlang, bevor der Weg (mal wieder) kräftig an Höhe gewinnt. Schattige, teilweise derbe Waldpfade und immer wieder Ausblicke auf das Tal machen diese Etappe abwechslungsreich. Die knapp 15 Kilometer haben es vor allem beim Anstieg in sich. Aussicht muss man sich schließlich verdienen. Ob meine Begeisterung für Frankreich auch die heutigen Höhenmeter überlebt? Schauen wir mal...
Unwissenheit ist manchmal ein Segen
Ich war heute morgen beim Frühstücken und packen so abgelenkt, dass ich glatt vergessen habe im Mjamjam Dodo nach dem Streckenprofil zu gucken (was ich normalerweise schon tue) und einfach losgelaufen bin. Gut so! Der Start ist noch ok. Die erste halbe Stunde gehe ich noch ziemlich verschlafen und verträumt dem ruhig dahinfließenden Fluss hinterher. Dann zweigt im Wald ein steil aufwärtsführender Pfad von der Straße ab. Da wird einem schnell warm. Im Zickzack geht es knackig Richtung Himmel.

Eine klassische Win-Win-Situation
Nach dem steilsten Anstieg werde ich zumindest mit einem schönen Ausblick über das Umland belohnt. Über den Feldern ziehen Raubvögel ihre Kreise und halten Ausschau nach etwas Essbarem. Ich kann das gut nachvollziehen. Auch mein Magen kreist inzwischen um den Inhalt meines Rucksacks. Der Unterschied: Die Vögel müssen sich ihre Beute erst noch erarbeiten. Meine steckt schon geschnitten in einem Baguette.
Ein Pausenplatz wäre jetzt eine ausgezeichnete Idee. Und tatsächlich: Ein paar Hundert Meter weiter warten Sitzgelegenheiten und ein kleines Toilettenhäuschen auf meine verschwitzte Ankunft.
Doch ich bin nicht die Einzige, die diesen Ort interessant findet. Ein vierbeiniger Herr nähert sich meiner Bank. Ein Australian Shepherd, der mich mit großen, hungrigen Augen mustert. Erst schleicht er vorsichtig um mich herum, als wolle er prüfen, ob ich vertrauenswürdig bin. Oder ob ich mein Baguette freiwillig herausrücke.
Wir sehen uns an. Er sieht das Baguette an. Ich sehe ihn an. Das Ergebnis dieser Verhandlung ist vorhersehbar. Ein Stück Schinkenbaguette wechselt den Besitzer und verschwindet in seinem Maul, bevor ich auch nur ansatzweise bereuen kann, dass ich gerade einen Fremden füttere.
Damit ist die Freundschaft besiegelt. Zumindest seinerseits. Ich bin ab sofort offenbar eine Frau mit ausgezeichnetem Charakter, und klar, Schinken.
Dann fällt mein Blick auf den Baumstamm neben der Raststelle. Dort hängt ein Plakat. Aus meinem vermeintlich herrenlosen Rastplatzbekannten wird ein Hund mit eigener Öffentlichkeitsarbeit.

Wanderfreunde
Ich heiße GAROU.
Ich bin kein herumstreunender Hund. Ich bin regelmäßig hier und suche Streicheleinheiten, anschließend kehre ich auf meinen Bauernhof zurück.
Überflüssig sich um mich Sorgen zu machen! Danke.
Garou, alter Herdenhütehund...
im Ruhestand
Aha. Garou ist also kein Streuner, sondern ein pensionierter Profi, der sich seine Rente mit gelegentlichen Streicheleinheiten und spontanen Baguette-Spenden aufbessert. Offenbar hat er die Raststelle zu seinem Stammlokal erklärt. Die Wanderer liefern Aufmerksamkeit und manche auch Mittagessen.
Also bekommt Garou seine Streicheleinheiten, ich eine nette Pause mit Gesellschaft und mein Schinkenbaguette einen neuen Abnehmer. Eine klassische Win-win-Situation. Garou bedeutet übrigen übersetzt: Der hungrige Wolf...
Ich sage dem kleinen hungrigen Wolf "Au revoir" und weiter geht's. Zur Abwechslung mal ein wenig bergab und durch einen lichten Nadelwald in dem die Vögel sich die Seele aus dem Leib zwitschern als gäbe es kein Morgen. So unfassbar schön, dass ich einfach stehenbleibe, lausche und genieße. Eine einfache Frage kommt in meinen Kopf:
Ist das Leben nicht schön? Eine einfache Antwort auch: Ja. Das Leben ist schön.
Die kleinste Gite auf der Podiensis
Ein paar Kilometer vor Golinhak trifft man dann auf dieses süße, kleine Hexenhäuschen mitten in der Botanik. Natürlich kann ich nicht vorbeigehen, kollabiere spontan auf einen Stuhl und stelle während des sehr netten Gesprächs mit Davide, dem Hüter des Häuschens, fest: Es ist tatsächlich eine Mini-Donativo Gite. Für maximal 3 Personen.
Für heute Abend wäre noch was frei, aber ich werde schon in Golinhak erwartet, außerdem habe ich nichts für's Abendessen dabei und hier gibt es zufällig keinen fussläufig erreichbaren Supermarkt. Der nächste Laden ist in Golinhak und der hat heute auch noch zu.
Erfreulicherweise gibt es aber kalte Getränke für alle durstigen Pilger, die vorbeikommen. Dank der Spenden, die andere Pilger bereits hinterlassen haben. Entsprechend wird man gebeten auch etwas für nachfolgenden Pilger in die Donativo-Box zu legen, damit auch sie von kalten Eistee und Saft profitieren können.
Es gibt sogar eine Massageschüssel, in die man seine geplagten Füße hängen kann.
Gemütlicher Nachmittag in Golinhak
In Golinhak auf dem zentralen Platz vor der Kirche gibt es ein Restaurant. Auf der dazugehörigen Terrasse mit Ausblick über das Tal, haben sie Tische aufgebaut. Dort treffe ich am Nachmittag ein und auf viele, meist schon frisch geduschte Pilger.
Man sagt mir immer wieder, dass so viele Deutsche unterwegs sind. Viele ist relativ. Genau drei sind es, die ich ab und zu auch wiedersehe, Monika mit ihrem Sohn David gehören heute dazu und Sabine.
Die drei Jungs mit Zelt, die ich vor ein paar Tagen getroffen habe, sind schon längst über alle Berge. Mit Monika und David trinke ich einen vorabendlichen Aperitiv, dessen Namen ich leider nicht behalten habe. Mal ganz ehrlich - so gern ich die Franzosen und ihre Sprache auch habe - es tut verdammt gut zwischendurch mal in der Muttersprache zu kommunizieren.

Unwissenheit ist manchmal ein Segen: Teil 2
Abends gehe ich mit den Leuten aus meiner Unterkunft essen. Monika, David und Sabine essen in ihrer Gite zu Abend. Ich bin (bei acht Personen) mal wieder die einzige Ausländerin am Tisch. Also höre ich überwiegend zu, während sich das französische Gespräch um die persönliche Geschichte einer Mitpilgerin dreht.
Beim Bestellen fällt mein Blick auf das ausgedehnte Tattoo unserer Bedienung. Es zieht sich über ihr Dekolleté und trägt eine deutsche Botschaft, die offenbar für die Ewigkeit gedacht ist: „Ohne dich kann ich nicht sein.“
Ähm. Nein. Da steht: „Ohne dich keine ich nicht zein.“
Kein Witz! Ich muss mich ernsthaft darauf konzentrieren, dass mir nicht sämtliche Gesichtszüge entgleisen. War der Tätowierer beim Stechen besoffen oder hat sie selbst bei der Vorlage gepatzt? Ich überlege kurz, ob ich sie darauf hinweisen soll, dass der Fehlerteufel zugeschlagen hat – und das Deutsch, genau wie Französisch, wenn man dessen nicht mächtig ist, keine Sprache ist, die man sich leichtfertig in den Ausschnitt schreiben lassen sollte.
Ich entscheide mich dagegen. Ich möchte uns beiden eine unnötig peinliche Situation ersparen. Ändern lässt sich das Malheur ohnehin nicht mehr. Höchstens könnte sie ab morgen im Rollkragenpullover bedienen.
Andererseits: Vielleicht hat sie eine Schwäche für deutsche Pilger. Vielleicht ist das Tattoo der etwas missglückte Versuch, die nicht französischsprachigen Herren aus dem deutschsprachigen Raum um den Finger zu wickeln – vorzugsweise jene, die dem Rotwein schon etwas zu tief ins Glas geschaut haben.
Aber was weiß ich schon. Nur ein Erklärungsversuch meinerseits.
10. Übernachtung: Gite au Lilas Zen
Empfehlenswerte Gite, sauber und renoviert, mit Küchenzeile für Selbstversorger geeignet, allerdings ohne Angebot für Abendessen und Frühstück. Es gibt einen Laden in Golinhak, allerdings hatte er ausgerechnet am Tag meines Aufenthalts geschlossen, deshalb konnte ich die Küche nicht nutzen und war im Restaurant Bastide d'Olt das gleichzeitig auch eine Herberge ist. Vielleicht hatte der eigentlich Koch am Sonntag frei. Für französischen Standard war das Essen eher semi, aber das kann auch eine Momentaufnahme gewesen sein.
Fazit zur zehnten Etappe:
Begeisterung für Frankreich hat überlebt. Ein Das-Leben-ist-schön-Tag mit sonnigen Ausblicken, schattigen Wäldern mit hungrigen Wölfen und interessanten Begegnungen. Für mein Dafürhalten wieder alles richtig gemacht.
Etappe 10 auf einen Blick
Start: Estaing
Ziel: Golinhak
Entfernung: ca. 15 km
Höhenprofil: 610 Hm bergauf. 290 bergab.
Highlights: Der Lot: Ein letztes Stück Flusstal, Natur pur – mit gelegentlichen Aussichten zurück ins Tal. Golinhac: Ein ruhiger Pilgerort auf der Höhe mit der historischen Kirche Saint-Martin und toller öffentlicher Aussichtsterrasse.
Der nächste Etappenstopp heißt für mich: Conques. Wenn du Frau Pilgerhut weiter durch Frankreich begleiten willst, lies weiter im nächsten Beitrag.
Alle Kommot-Tracks unter meinen Beiträgen habe ich selbst mit meiner Garmin Fenix Uhr aufgenommen. Es handelt sich um Bruttozeiten vom Start bis manchmal weit nach der Ankunft, inklusive sämtlicher Pausen, Trödeleien und meiner Vergesslichkeit am Ende auf Stopp zu drücken. Sie sind nicht als Richtwerte für Gehzeiten zu verstehen.

Estaing - Conques
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