Via Podiensis Etappe 11: Golinhak nach Conques | Erfahrungsbericht, Tipps & Highlights


Via Podiensis Golinhak - Conques 23 Km
Hatte ich schon erwähnt, dass mir die Podi gefällt? Heute gibt’s erneut ganz großes Kino, gezeigt wird: Conques, ein echtes Juwel an der Via Podiensis, das sich sich spektakulär in ein enges Tal schmiegt. Durch die kopfsteingepflasterten Gassen fahren keine Autos. Und wären plötzlich ein paar Ritter auf ihren Pferden um die Ecke galoppiert, hätte ich das für eine völlig plausible Verkehrssituation gehalten.
Mitten in dieser mittelalterlichen Kulisse wartet die berühmte Abteikirche Sainte-Foy auf meinen Besuch. Unten im Tal führt eine alte Pilgerbrücke über den Dourdou. Beide Bauwerke gehören zum UNESCO-Welterbe. Logo.
Conques erobert mein Herz im Sturm. Für viele Pilger ist hier tatsächlich Schluss. Für mich ist es ein anderer Meilenstein: Das erste Viertel der Via Podiensis liegt hinter mir. Oder, anders formuliert, es hat mich hinter sich gelassen.

Great Expectations
Natürlich habe ich vorher schon viel über Conques gehört und gelesen. Entsprechend groß ist meine Vorfreude auf das heutige Etappenziel. Die Erwartungen sind ähnlich hoch wie die zu überwindenden Steigungen.
Doch bevor ich mich in Conques zwischen Pilgertraditionen, steinernen Kunstwerken und mittelalterlichem Charme verlieren darf, muss ich erst einmal hinkommen. Und wie so oft auf dem Jakobsweg gilt: Ein traumhaftes Ziel macht den Weg dorthin keinen Meter kürzer.
Also erst einmal den Rucksack schultern, die Wanderstöcke sortieren und langsam loswackeln. Unterwegs komme ich wie eigentlich jeden Tag an öffentlichen Klohäuschen für Pilger vorbei und die sind eine extra Erwähnung wert:
Das französische Klo ist "sèche"
Auf solche Trockenklos trifft man zwischen Le Puy und Conques in relativ regelmäßigen Abständen. Ich nenne sie auch gerne: Haustierklos. In Deutschland so noch nie begegnet. Das System funktioniert völlig ohne Wasserspülung und basiert auf einem einfachen biologischen Prinzip: der Trennung oder Kompostierung durch Einstreu. Super Sache, man packt sein Schäufelchen Streu obendrauf und sieht auch nicht die Hinterlassenschaften seiner Vorgänger. Die Holzspäne saugen Feuchtigkeit sofort auf, sodass es auch nicht stinkt.

Durch die Landschaft des Aveyron - Vorspann
Die ersten zwei Stunden des Tages verbringe ich damit, durch die sanfteren Hügel des Aveyron zu ziehen. Mal auf Straßen, mal auf Pfaden. Die Landschaft ist angenehm abwechslungsreich, und auch die Steigungen halten sich zunächst noch im Rahmen. Fast könnte man meinen, die Via Podiensis wolle mich heute schonen. Höhö. Ein bereits bekannter Trick auf den ich nicht mehr hereinfalle.
Unterwegs scheint außerdem der Tag des Schmetterlings ausgerufen worden zu sein. Überall flattern die hübschen Fotomotive herum, und ich werde mit reichlich Foto-Gelegenheiten bedacht. Irgendwann geht es kräftig bergab. Rund 200 Höhenmeter tiefer, etwa bei Kilometer zehn, erreiche ich Espeyrac.

Espeyrac: kurz durchschnaufen, dann wieder hoch
Hinter Espeyrac zeigt die Podiensis, dass sie durchaus beide Richtungen beherrscht. Was eben noch bergab ging, geht jetzt genauso energisch wieder bergauf. Nur zwei Kilometer später erreiche ich Sénergues. Der dortige Spielplatz bietet großzügige Rastmöglichkeiten und wird kurzerhand zu meinem Mittagspausenquartier.
Eigentlich hätte ich noch gerne meine Supplies mit kühlen Flüssigkeiten aus dem Dorfladen aufgefüllt, aber es ist nach 12:30 Uhr, also hat der natürlich wieder zu. Frankreich und seine Mittagspausen... Na gut, überredet, also bleibt es bei farb- und geschmacklosem Wasser.

Hinter Sénergues arbeitet sich die Podiensis wieder auf die Höhe zurück, von der ich am Morgen gestartet bin. Die Landschaft öffnet sich, ausgedehnte landwirtschaftliche Flächen liegen vor mir. Ich nähere mich Conques laut Kilometeranzeige auf meiner App. Aber von meinem viel gerühmten Etappenziel ist weit und breit nichts zu sehen. Kein Kirchturm, kein Dach, nicht einmal ein dekoratives Zipfelchen Schiefer in der Ferne.
Und dann kommt der Banger des Tages: völlig unerwartet stürzt sich die Podiensis förmlich ins Tal. Der Vergleich mit dem Neigungswinkel einer Achterbahn nach dem Scheitelpunkt des Loopings wäre jetzt doch etwas übertrieben, aber innerhalb von knapp zwei Kilometern geht es fast 300 Höhenmeter hinunter. Ich singe und fluche abwechselnd ein bisschen und ehe ich mich versehe, stehe ich am Ortseingang.

Bienvenue à Conques! - Hauptfilm
Conques begrüßt mich mit einer mehrsprachigen Gedichtstafel. Ein Mix aus Französisch, Englisch, Spanisch ist das. Ungewöhnlich, ich verstehe auch nicht alles, aber was ich zu sehen bekomme, als ich der Straße in den Ort die nächsten 200 Meter folge, ist der absolute Knaller. Das mittelalterliche Dorf klebt förmlich am steilen Hang und schmiegt sich terrassenförmig in eine grüne, muschelförmige Talmulde. Über Jahrtausende haben die Flüsse Dourdou und Ouche diese Landschaft geformt. Von den umliegenden Höhen betrachtet, wirkt der Ort, als läge er geborgen im Inneren einer schützenden Muschel. Vom Wort für Muschel lässt sich übrigens auch der Name des Ortes ableiten.
Mittelalterlich anmutende Schieferdächer scheinen sich förmlich an die Hangseite zu klammern, alte Fachwerkhäuser säumen die engen Gasse, und mein Blick bleibt auf der mächtigen Abteikirche Sainte-Foy hängen. Durch die engen, kopfsteingepflasterten Straßen fahren keine Autos. Für Parkplätze wäre ohnehin kaum Platz. Stattdessen schlendere ich zwischen den alten Häusern hindurch ins Zentrum und komme aus dem Staunen kaum heraus. Die Kirche ist so beeindruckend, dass ich vorübergehend vergesse, wie viele Kilometer ich heute schon in den Beinen habe. Das will was heißen. Ich setze mich in ein Café vor die Kirche, beobachte das Treiben um mich herum und bin einfach nur sehr happy hier zu sein.
Conques ist nicht einfach nur hübsch. Der Ort ist ein mittelalterliches Gesamtkunstwerk, das auf mich bezaubert.
Die Abteikirche Sainte-Foy und die historische Pilgerbrücke über den Dourdou gehören zum UNESCO-Welterbe „Jakobswege in Frankreich“. Besonders berühmt ist das romanische Portal der Abteikirche mit seiner Darstellung des Jüngsten Gerichts. Hunderte Jahre alt, voller Figuren und Geschichten.




Natürlich zieht Conques im 21. Jahrhundert nicht mehr nur Pilger an. Trotz seiner etwas abgelegenen Lage ist das Dorf ein beliebtes Touristenziel. Zum ersten Mal auf meiner bisherigen Reise höre ich in den Gassen und vor den Ateliers und Souvenirgeschäften auffallend häufig amerikanisches Englisch und ich sehe es auch am Outfit mancher Besucher. Es sind Social-Media-Junkies auf der Suche nach dem perfekten Spot.
Viele französische Pilger, die ich in den letzten zehn Tagen kennengelernt habe, beenden ihre Reise bereits hier und nehmen morgen den einmal am Tag verkehrenden Pilgerbus zurück nach Le Puy. Für sie ist Conques der Schlusspunkt. Der Höhepunkt. Für mich markiert es tatsächlich das erste Viertel der Via Podiensis.
Ein Viertel geschafft. Oder, je nach Perspektive, hat mich das erste Viertel geschafft.
Nee. Alles gut.
Abendprogramm in der Abteikirche Sainte-Foy
Mit dem Ankommen ist der Tag noch lange nicht vorbei. In Conques wartet ein Abendprogramm, bei dem auf meine müden Glieder keine Rücksicht genommen wird.
Meine Unterkunft ist die große historische Klosterherberge. Das Haus und die besondere Atmosphäre dort sind mir empfohlen worden. Es wird von Brüdern geführt, die sich von Freiwilligen, den "hospitaliers bénévoles", helfen lassen. Heute ist es voll: Rund 90 Menschen werden gemeinsam essen und die, die noch mehr als kriechen können, werden anschließend am Abendprogramm teilnehmen.
Schon beim Empfang erfahren wir, dass Schuhe und Wanderstöcke draußen bleiben, die Rucksäcke müssen in große Plastiksäcke. Die Angst vor Bettwanzen ist in französischen Pilgerherbergen allgegenwärtig. Der Rucksack bekommt also erst einmal eine Verpackung, bevor er in den Schlafsaal darf. Und natürlich trotzdem nicht aufs Bett!
Dann sitzen wir alle gemeinsam im großen Speisesaal. Es gibt reichlich zu essen, freundliche Begrüßungen und Informationen über die Geschichte des Ortes, seine Traditionen und den Ablauf des Abends. Wir singen wieder gemeinsam Ultreïa, das traditionelle Pilgerlied, das ich ja bereits bei Cedric in Estaing gesungen hatte.
Um 20.30 Uhr geht es zur Pilgersegnung in die Abteikirche. Um 21 Uhr folgt draußen die Besprechung des berühmten romanischen Portals. Zunächst liegt es noch im Dunkeln. Mit Einbruch der Nacht wird es beleuchtet und entfaltet eine beeindruckende Wirkung.
Um 21.30 Uhr beginnt ein Konzert im Inneren. Außerdem besteht die Möglichkeit, die beleuchtete Empore zu erkunden und von oben in den Chorraum zu schauen. Klar mach ich da mit. Wenn schon, denn schon. Geschichte, Architektur, Musik und Pilgertradition – ganz schön viel geballte Info. Mein Kopf ist voll, meine Augen werden unweigerlich schwer, der Körper müde.
Gegen 22.30 Uhr ist Schluss. Danach verschwinden die Pilger ziemlich flott in ihren Betten. Bei den meisten klingelt der Wecker wieder um sechs Uhr. Denn die nächste Etappe hat es wieder in sich, klar, steiler Aufstieg inklusive.
11. Übernachtung: Klosterherberge in Conques
Was für ein imposantes, altes Haus. Was für eine tolle Atmosphäre. Krasse Wendeltreppe. Das reichliche Abendessen & Frühstück gibt es in einem großen Saal, in dem alle Gäste, bis zu 90, Platz haben. Nette Begrüßung, strenge Organisation. Schuhe und Stöcke bleiben draußen im Hof, Rucksäcke müssen in große Plastiksäcke gepackt werden. Vorsichtsmaßnahme. Die Angst vor Bettwanzen ist allgegenwärtig in den französischen Herbergen.
Fazit zur elften Etappe:
Ich bin schockverliebt in Conques! Eine sehr schöne Etappe durch eine traumhafte Gegend. Mal wieder. Es gibt viel zu entdecken. Von den vielen Menschen am Abendbrottisch habe ich tagsüber allerdings kaum jemand gesehen. Merkwürdig.
Etappe 11 auf einen Blick
Start: Golinhak
Ziel: Conques
Entfernung: ca. 23 km
Höhenprofil: 360 Hm bergauf. 700 bergab.
Highlights: zweifellos das historische, unglaublich charmante Conques mit seiner UNESCO ausgezeichneten Abbaye St. Foye, samt beleuchteten Tympanon und angeschlossener Pilgerherberge
Der nächste Etappenstopp heißt für mich: Livinhak. Wenn du Frau Pilgerhut weiter durch Frankreich begleiten willst, lies weiter im nächsten Beitrag.
Alle Kommot-Tracks unter meinen Beiträgen habe ich selbst mit meiner Garmin Fenix Uhr aufgenommen. Es handelt sich um Bruttozeiten vom Start bis manchmal weit nach der Ankunft, inklusive sämtlicher Pausen, Trödeleien und meiner Vergesslichkeit am Ende auf Stopp zu drücken. Sie sind nicht als Richtwerte für Gehzeiten zu verstehen.
Mein Etappenplan für dich
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