Via Podiensis Etappe 12: Von Conques nach Livinhac Erfahrungsbericht, Tipps & Highlights


Via Podiensis Conques - Livinhac 26 Km
Nach Golinhac hatte ich mich auf Conques gefreut. Und nach Conques dachte ich, schöner kann es eigentlich kaum noch werden. Ein durchaus nachvollziehbarer Gedanke, wie ich fand. Die Podiensis hat allerdings immer noch weitere Steigerungen auf Lager, denn heute geht es nach Livinhac-le-Haut. Aber bevor ich mich mit neuen landschaftlichen Eindrücken beschäftigen darf, steht erst einmal harte körperliche Arbeit auf dem Programm.
Abschied von Conques
Bevor ich Beautiful-Conques endgültig hinter mir lasse, komme ich noch an der erwähnenswerten Chapelle Saint-Roch vorbei. Sie steht auf einem Felsvorsprung und wurde im 15. Jahrhundert an der Stelle der ehemaligen Burg von Conques errichtet. Ein letzter historischer Zwischenstopp, bevor die heutige Etappe richtig beginnt.
Dann geht es hinunter zum Fluss Dourdou und ich betrete eine weitere berühmte Pilgerbrücke (noch ein Weltkulturerbstück), Name ist Programm, die "Pont des Pèlerins". Noch einmal ein Blick zurück auf den mittelalterlichen Ort Conques, der mein Herz erobert hat, dann ist es vorbei mit der Beschaulichkeit.
Denn unmittelbar danach wartet einer der steilsten Anstiege der gesamten Via Podiensis. Der Weg schlängelt sich durch den Wald nach oben. Leider wieder etwas grober Natur. Was auf dem Foto vielleicht noch nach einem idyllischen Waldpfad aussieht, entpuppt sich in der Realität als ziemlich unangenehme Angelegenheit. Steile, teilweise hohe Felsstufen, unebener Untergrund, lose Steine lassen wenig Spielraum für elegante Bewegungsabläufe. Jedes reifere Knie, das ich unterwegs überhole (zwei insgesamt), knackt hörbar "Hurra" vor lauter Begeisterung. Kurz frage ich mich, warum mir der liebe Gott keine Flügel mitgegeben hat. Stattdessen muss ich mich mit zwei Lungenflügeln begnügen, die rein gar nichts mit fliegen zu tun haben und gerade kollektiv Arbeitsüberlastung signalisieren.

Die Gegend ist und bleibt wunderschön
Aber jedes Leiden hat irgendwann ein Ende. Nach dem Wald und dem steilen Anstieg öffnet sich die Landschaft und siehe da: Die Welt sieht von oben gleich ganz anders aus und der Blick reicht weit über grüne Hügel und bewaldete Täler. Der Weg führt weiter durch wunderschöne fast purpur-violett blühende Besenheide. Ich find das ja was früh im Jahr für Heide zum Blühen, aber wer fragt schon mich, wann er/sie/es blühen soll.

Das Wetter untermalt die Stimmung noch. Schön sonnig, aber auch windig, fast ein wenig kühl. Genau richtig, um nach dem schweißtreibenden Aufstieg nicht zu überhitzen.
Ich genieße die Weite und die Aussicht über die nächsten Kilometer.

Auf den folgendem Abschnitt bemerke ich, dass ich automatisch öfter stehen bleibe. Nicht unbedingt, weil ich schon wieder eine Pause brauche. Sondern weil die Natur einfach wieder so berauschend schön ist, ja unverbraucht, und ich sie tief in mich aufsaugen möchte. Die Via Podiensis hat offenbar noch ein paar landschaftliche Überraschungen in petto. Mein anfänglicher Gedanke, nach Conques könne eigentlich nicht mehr viel kommen, war jedenfalls etwas voreilig.

Decazeville: Hier ist Schönheit mal relativ
Weiter geht es bergab Richtung Decazeville, das ungefähr bei Kilometer 20 auftaucht und mit 5000 Einwohnern schon ziemlich groß ist für Jakobswegverhältnisse. Die Stadt ist allerdings kein weiterer optischer Höhepunkt dieser Etappe und bleibt deshalb auch ohne Beweisfoto. Nach den weiten Landschaften und den verstreuten Siedlungen des Tages wirkt sie eher nüchtern, industriell und fast hässlich. Das kommt nicht von ungefähr: Decazeville entstand im 19. Jahrhundert als Bergbau- und Industriestandort. Kohlebergbau und Eisenindustrie prägten die Stadt über lange Zeit. Die Bergbaugeschichte ist hier also kein zufälliges Kapitel, sondern hat den Ort entscheidend geformt.
Ich durchquere Decazeville ohne Pause und mache mich auf die letzten Kilometer nach Livinhac-le-Haut. Einen letzten Anstieg gilt es dafür noch zu überwinden. Zwar nichts dramatisches mehr, aber ich spüre doch schon eine gewisse Müdigkeit, als ich der geteerten Straße hinauf folge. Danach geht es das letzte Stück des Tages zum Glück nur noch bergab.


Ein französisch-italienisches Crossover bei Andrea
Ich bin extrem froh, als ich am Nachmittag in Livinhac-le-Haut einlaufe. Ich habe mich für die Herberge La Vita è Bella entschieden. Übersetzt: Das Leben ist schön.
Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen.
Eigentlich stand das für mich schon fest, als ich noch zu Hause war: Wenn ich bis nach Livinhac komme, möchte ich mir ein eigenes Bild von La Vita é Bella machen. Als regelmäßige Hörerin von Theresa Seiters' Podcast "Einfach los" war mir der Herbergsvater Andrea mit seinen italienischen Wurzeln, dem Klavier und Instrumenten im Wohnraum, bereits ein Begriff. Theresa hatte seine Unterkunft heiß geliebt und empfohlen, und ich war entsprechend neugierig.
Mein Eindruck: Andrea ist ein außergewöhnlicher Mann. Er hat dieses Charisma, das nicht viele haben, wirkt ausgesprochen in sich ruhend und gleichzeitig offen. Als Gastgeber ist er herzlich und aufmerksam, ohne großes Aufheben um seine Person zu machen. Andrea legt weniger Wert auf die Kilometeranzahl, die seine Gäste täglich zurücklegen, sondern vielmehr auf die Menschen, die man auf diesen Kilometern treffen kann und vielleicht auch deshalb versprüht seine Unterkunft einen ganz eigenen Charme.
Wir saßen an diesem Abend zu zwölft in seinem Innenhof, unter einem Blätterdach aus rankendem Wein und haben uns über das reichhaltige italienische Drei-Gänge-Mahl gefreut. Nach der Salat-Vorspeise gab es Pasta mit Mozarella überbacken und ordentlich Knoblauch. Zum Dessert gehörte ein köstlicher, ausgesprochen liebevoll dekorierter Nachtisch, nach dessen Verzehr wir uns alle pappsatt auf die Stühle zurücksinken ließen.
Als Théo die Gitarre auspackte
Die gefütterte Runde löste sich an diesem Abend nicht so schnell auf. Nach Gesprächen und Gelächter holte Franzose Théo eine Gitarre hervor. Théo, ein begnadeter Musiker und Sänger, spielte bekannte englische und (mir nicht so bekannte) französische Songs. Wir, der Background aus Deutschland, Holland, Belgien, Kanada und natürlich Frankreich, sangen mit so gut wir eben konnten. "Imagine" von Lennon, im Chor, jagte mir einen ordentlichen Schauer über den Rücken.
Nach einer Weile des Musizierens entwickelte er daraus eine Art von Meditation. Theo sprach ruhig, begleitet von sanften Tönen auf der Gitarre, wir schloßen alle die Augen, gaben uns dem Moment hin.
Rückblickend kann ich gar nicht genau sagen, was dann so passiert ist mit uns. Jedenfalls wurden wir nach und nach alle ziemlich emotional und lagen uns in den Armen. Der Mann hat definitiv eine Gabe.

Ist das nicht absolut bemerkenswert? Da sitzen Menschen aus unterschiedlichsten Ländern zusammen, die sich zum Großteil erst an diesem Abend kennengelernt haben und vermutlich ganz unterschiedliche Geschichten im Gepäck haben. Und plötzlich verbindet sie etwas, für das es keine gemeinsame Sprache braucht. Keine große Inszenierung, keine aufgesetzte Lagerfeuerromantik. Einfach eine Stimme und Musik, die etwas auslöst.
Dieser Abend hat mich sehr berührt. Und offenbar ging es den anderen ähnlich. Erfüllt von den Erlebnissen dieses Tages schlafe ich in dieser Nacht absolut zufrieden ein.
12. Übernachtung: La Vita è Bella
Wie schon oben im Text erwähnt: Ein besonderer Ort, eine besonderer Atmosphäre und ein besonderer Mensch, der diesen Ort und seine Gäste betreut und bekocht. Für mich immer wieder ein Stopp wert.
Fazit zur zwölften Etappe:
Erneut eine wunderschöne, aber auch anstrengende Etappe mit blühender Heide, viel Weitblick, super angenehmen Wetter und einem tollen Tagesabschluss in der Pilgerherberge. Andrea, seine besondere Art, die italienische Küche und Theo mit seiner Gitarre haben dafür gesorgt, dass aus einem Pilgertag einer dieser Abende wurde, die man nicht so schnell vergisst.
Davon hätte ich auf dem französischen Camino gerne noch ein paar mehr.
Etappe 12 auf einen Blick
Start: Conques
Ziel: Livinhac le Haut
Entfernung: ca. 26 km
Höhenprofil: 830 Hm bergauf. 900 bergab. Anspruchsvoll, besonders zu Beginn.
Highlights: Kapelle St. Roch, die Pilgerbrücke über den Dourdou, der Aufstieg durch die Heide und die weiten Ausblicke über die Hügellandschaft
Der nächste Etappenstopp heißt für mich: Figeac. Wenn du Frau Pilgerhut weiter durch Frankreich begleiten willst, lies weiter im nächsten Beitrag.
Alle Kommot-Tracks unter meinen Beiträgen habe ich selbst mit meiner Garmin Fenix Uhr aufgenommen. Es handelt sich um Bruttozeiten vom Start bis manchmal weit nach der Ankunft, inklusive sämtlicher Pausen, Trödeleien und meiner Vergesslichkeit am Ende auf Stopp zu drücken. Sie sind nicht als Richtwerte für Gehzeiten zu verstehen.
Mein Etappenplan für dich
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