Via Podiensis Etappe 7: Nasbinals - Saint-Chely-D'Aubrac | Erfahrungsbericht, Tipps & Highlights


Nasbinals - St-Chely-D'Aubrac 17 Km
Der heutige Plan: 'n bisschen hoch, 'n bisschen runter. Mit 1.368 Metern wartet zwischen Nasbinals und Saint-Chely der höchste Punkt der gesamten Via Podiensis. Danach verabschiedet sich das Aubrac langsam und es geht Richtung Tal. Der Abstieg nach Saint-Chély ist mit steinigen Stufen und reichlich Geröll sowieso anspruchsvoll genug. Heute steht zusätzlich jede Menge Wasser auf dem Weg – stellenweise frage ich mich, ob ich noch wandere oder einen langen Bach quere. Deshalb weniger Fotos und mehr Fokus auf Ankommen.

Schlafapnoe versus Schwerhörigkeit
Die letzte Nacht. Ein weiterer Kracher. Die Französin, die sich ehrenhaft vor dem zu Bett gehen noch schnell als Schnarcherin geoutet hatte, legte sofort los mit einer Komposition, dich ich bis dato noch nie gehört hatte.
In meiner Verzweiflung hatte ich mir die verhassten Ohrstöpsel tief in die Ohrmuscheln gedrückt und noch die Zeigefinger draufgepresst. Mit den Fingern in den Ohren bin ich dann irgendwann vor lauter Erschöpfung eingeschlafen...
Aussagekräftig genug?
Jedenfalls ist sie schon die 2. Person, der ich gerne den Gang ins Schlaflabor empfohlen hätte. Aber ich schweige am Morgen aus purer Sprachlosigkeit, als die andere Bettnachbarin der Ersten das Feedback gibt, es wäre doch gar nicht schlimm gewesen. Ich weiß, dass die Franzosen ein höfliches Völkchen sind. Aber man kann auch alles übertreiben.
Wetterfrust
Für heute ist ab 10 Uhr Dauerregen angesagt. Den ganzen Tag. Ohne Unterbrechung. Entsprechend sprinte ich um 8 Uhr los, um wenigstens noch 2 Stunden im Trockenen gehen zu können. Da wird leider nichts draus. Nach gut einer Stunde setzt der Regen schon ein. In voller Regenmontur geht es über viel Wiese und Viehweide, an vereinzelten, urigen Steinhütten vorbei, den traditionellen Burons. Sie waren früher Sommerunterkünfte für Hirten, die direkt vor Ort Käse hergestellt haben. Heute sehen sie unbewohnt aus.

Der höchste Punkt
Als ich schließlich atemlos den höchsten Punkt der Podiensis erreiche, bin ich erst einmal enttäuscht. Es ist keine spektakuläre Location mit massiven Kreuz, sondern eine eher unscheinbare, flache Kuppe mit einem schlichten Eisenkreuz. Rundherum: Genau null Aussicht auf das Zentralmassiv. Panorama fällt heute aus. Stattdessen grauer Himmel, Regen in Bindfädenlänge. Hab nicht mal Bock ein Foto zu machen. Meine Stimmung im Keller.
Wie anders war das doch beim Cruz de Ferro in Spanien! Dort oben hatte ich solch erhebende Gefühle, das war ein echtes emotionales Highlight.
Mit gesenktem Blick stapfe ich weiter, stur dem Weg folgend, während der Regen auf Kapuze und Schultern prasselt, bis ich beinahe mit einer steinernen Stele zusammenpralle.
„In der Stille und Einsamkeit hört man nur noch das Wesentliche.“ Ein schöner Satz. Und vielleicht zwingt mich genau dieses Wetter mehr auf meine innere Stimme zu hören? Wobei ich zu diesem Zeitpunkt vor allem eines sehr deutlich höre: den Regen auf meiner Kapuze.

Halbzeit in Aubrac - Tee oder kein Tee?
Was sich als nächstes tiefgrau aus meiner grauen Umgebung abhebt, ist die Klosterkirche des Ortes Aubrac. Ich gebe dem Wetter Schuld, dass ich auf einen Besuch verzichte und links vorbei in den Ort hineinlaufe.
Es gibt sogar ein geöffnetes Café. Ich habe die Türklinke schon in der Hand und den dampfenden Tee gedanklich bereits vor mir stehen. Dann entscheide ich mich doch dagegen. Was soll’s? Kalt und nass bin ich ohnehin schon, und trocken wird das ganze Zeug in der nächsten halben Stunde über einem Stuhl auch nicht. Außerdem ist es echt lästig nasse Regenjacken und Hosen aus- und vor allem danach wieder anzuziehen. Also warum Zeit verschwenden? Ich will jetzt nur noch ankommen, duschen und mich komplett aus diesem nassen Experiment herausziehen.

Aber bis dieser Wunsch in Erfüllung gehen kann, sind es noch ein paar Kilometer. Hinter Aubrac wird das Gelände leider etwas schwieriger, es geht zunächst sachte, später steiler bergab, die Landschaft wird wieder bewaldeter, bewachsener.
Durch den anhaltenden Regen ist der Jakobsweg an vielen Stellen bereits aufgeweicht oder hat sich alternativ in einen knöcheltiefen Bach verwandelt, dazu gibt es sehr steinige, mit Felsstufen durchsetzte Passagen. Wer den Abstieg auf dem Francés nach Zubiri kennt - in etwa vergleichbar. Ich bin megafroh, dass ich meine Stöcke habe. Fotografieren wegen der Nässe weiterhin unmöglich.
Für diese bescheidenen Verhältnisse bin ich richtig flott unterwegs, über weite Strecken trabe ich mutterseelenallein meinem heutigen Stall in St.-Chely entgegen. Ich laufe zu niemandem auf, werde aber auch nur zweimal überholt.
Wenn der Sommer plötzlich kündigt
Schuhequietschend, klamm und dampfend komme ich schon mittags in St-Chely an. Zum einchecken in meine Gite ist es noch 2 Stunden zu früh. Also dränge ich mich zu zwei Handvoll bereits angekommener, durchnässter Pilger in das einzige offene Etablissement im Ort, das in der nächsten Stunde, während meines Aufenthaltes nahe der Rezeption, von patschnassen Pilgern beinahe überrannt wird.
Mit diesem Temperatursturz und der Dauernässe haben wohl manche nicht gerechnet. Entsprechend sind einige Franzosen (viele pilgern ja nur 10 Tage bis nach Conques), eher sommerlich ausgerüstet, zumindest ohne wärmende Jacke unterwegs. Vor drei Tagen war es noch brüllend heiß, jetzt fühlt es sich an, als wären wir in Grönland in ein Eisloch gefallen.
Ein älterer Mann neben mir sitzt im nassen dünnen Shirt und zittert wie Espenlaub. Seine Kleidung erfüllt ihre Funktion ungefähr so überzeugend wie ein Regenschirm unter Wasser. Die Dame an der Rezeption hat schließlich Mitleid und bringt ihm eine Decke. Ganz offensichtlich hatte er nicht mit diesem kleinen Ausflug in die Arktis gerechnet.
Volle Wäscheleinen
Auch meine Herbergsfrau hat Erbarmen mit dem nassen Pilgerhaufen, der bei dem Sauwetter den Berg runtergeschlittert kommt und öffnet ihre Herberge schon eine Stunde eher. Ich könnte sie küssen. Raus aus den Klamotten, heiße Dusche, heute sogar mit Föhn, alles Trockene anziehen, was der Rucksack noch hergibt, den ganzen nassen Mist aufhängen, dann im Bett bis zum Abendessen aufwärmen und das Beste für Morgen hoffen. Schon viel besser.

Beim Abendessen bin ich wieder versöhnt. Der Tag klingt lecker aus, in einer sehr freundlichen und lustigen Damenrunde mit 7 Französinnen und mir am Tisch. Highlight des Tages: Das Dessert! Es gibt es eine feine Creme aus der gläsernen Jakobsmuschel. Bonne appetit und dann Bonne nuit!

7. Übernachtung: . Gite L'Oasis del Camino bei Sylvie
Toll. Das Haus von außen wieder keine Schönheit , aber der erste Eindruck täuscht. Innen sehr liebevoll, neu, sauber und zweckmäßig für Pilger eingerichtet. Mit Parawan zum trennen für etwas mehr Privatsphäre. Sylvie kocht fantastisch und beherbergt ihre Gäste sehr herzlich.
Fazit zur siebten Etappe:
Nass. Vor allen Dingen nass. Die Etappe führt zwar über die Hochfläche des Aubrac zum höchsten Punkt der gesamten Via Podiensis, aber im Gegensatz zu gestern war kaum etwas zu sehen. Eine Strecke mit ziemlich ordentlichem Gefälle zum Schluss. Definitiv nicht meine Lieblingsetappe, aber das war sicher größtenteils dem Wetter geschuldet.
Etappe 7auf einen Blick
Start: Nasbinals
Ziel: St.-Chely-D'Aubrac
Entfernung: ca. 17 km
Höhenprofil: 320 Hm bergauf. 680 bergab.
Highlights: Höchster Punkt der Via mit 1368 Meter, Klosterkirche in Aubrac
Der nächste Etappenstopp heißt für mich: Saint-Come D'Olt. Wenn du Frau Pilgerhut weiter durch Frankreich begleiten willst, lies weiter im nächsten Beitrag.
Alle Kommot-Tracks unter meinen Beiträgen habe ich selbst mit meiner Garmin Fenix Uhr aufgenommen. Es handelt sich um Bruttozeiten vom Start bis manchmal weit nach der Ankunft, inklusive sämtlicher Pausen, Trödeleien und meiner Vergesslichkeit am Ende auf Stopp zu drücken. Sie sind nicht als Richtwerte für Gehzeiten zu verstehen.
Mein Etappenplan für dich
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