Via Podiensis Etappe 6: Aumont-Aubrac - Nasbinals| Erfahrungsbericht, Tipps & Highlights


Aumont-Aubrac - Nasbinals 28 Km
Via Podiensis Aumont-Aubrac nach Nasbinals: Schon wieder eine Lieblingsetappe. Hatte ich dasselbe vorgestern nicht schon auf dem Weg Saint-Alban behauptet? Nee. Ich widerrufe! Das, was das Auge heute geboten bekommt, gefällt mir noch besser. Entlang saftig grüner Weiden auf denen die gutmütigen Aubrac-Rinder gemütlich grasen, und durch die typischen Steinmauern der Region, geht es auf das kaum besiedelte, teilweise moorige Hochplateau. Diese Etappe führt mitten hinein in das Herz dieser magischen, einsamen Landschaft bis zum Stargate am höchsten Punkt. Ich könnte mich vor Begeisterung und fotografieren schier überschlagen.

Die Zivilisation verabschiedet sich mal kurz
Direkt nach dem Verlassen von Aumont-Aubrac beginnt der sanfte Aufstieg auf das vulkanische Hochplateau. Zwar muss man noch schnell unter einer Autobahn durch, das passt so gar nicht, aber dann verlasse ich die Zivilisation. Der Weg geht zunächst wie gewohnt durch Wald und Wiesen auf denen heute zum ersten Mal auch einige sehr zufrieden wirkende Comtois-Pferdchen stehen. Die französischen Kaltblüter sind für ihre Robustheit bekannt und sehen so aus, als würden sie sich von den hier öfters wütenden feuchten Westwinden des Atlantiks insgesamt wenig beeindrucken lassen. Der Himmel fährt auch heute wieder kräftige Wolken auf und on top bläst es ganz ordentlich.

French Teatime
Nach gut einer Stunde erreiche ich La Chaze-de-Peyre, den nächsten Außenposten der Zivilisation. Da es doch recht kühl ist, hätte ich Bock auf einen Tee. Leider ist kein Café weit und breit in Sicht. Was eine Überraschung in dieser unwirtlichen Gegend.
Ungefähr bei Kilometer 11, als ich mich bereits mit meinem teelosen Schicksal angefreundet habe, taucht zu meiner großen Freude Les Quatre Chemins auf, eine Wegkreuzung mit einer Handvoll Häuschen drumherum. Und diesmal ist tatsächlich eine geöffnete Bar dabei. An der kommt heute offenbar kein Pilger ohne Stopp vorbei.
Der Innenraum ist gut gefüllt, die Heißgetränke heiß begehrt und ich habe schon wieder Hunger wie ein Kaltblüter. Also gönne ich mir zum Tee ein wirklich üppiges Stück Schokoladenkuchen. Verdient ist verdient.
Bei dieser gemütlichen Gelegenheit lerne ich Simone kennen (ihr „e“ ist stumm), eine kommunikationsfreudige Engländerin, die französische Vokabeln in ihre englische Sprache einwebt wie andere Leute Satzzeichen. Ich freue mich, endlich mal wieder Englisch zu hören, und auch das Sprechen fällt mir um einiges leichter. Wer hätte das gedacht? Eine Engländerin und eine Deutsche sitzen in einem französischen Café an der Via Podiensis und trinken zusammen Earl Grey. Europa ist offenbar doch noch nicht verloren.
Nach einer ausgedehnten Pause geht es weiter. Die folgenden Kilometer steigt die Podiensis beständig auf etwa 1.250 Meter an. Die Landschaft wird immer karger. Ich bin endgültig im Aubrac angekommen, das an dieser Stelle auch moorige Akzente setzt.

Das Aubrac macht ernst mit Fotomotiven
Irgendwo in der Botanik biege ich auf einen noch schmaleren Weg ab und plötzlich ist da so unheimlich viel Platz. Nur noch Weite, ab und zu exponierte, dem Wind trotzende Bäume, von der Natur hinreißend verstreute Granitbrocken, Stechginster, der sein schönstes Gelb zeigt: Nature at its Best.
Das einzige, was mich heute optisch noch mehr stört als bereits gestern, ist die wenig charmante Stacheldrahteinfriedung der Weiden, die das Vieh an Ort und Stelle hält.

Zwischen all den in den vergangenen Jahrhunderten händisch aufgeschichteten Steinmauern habe ich echt den Eindruck, ich könnte auch in Schottland sein, aber soweit ich mich erinnere, haben die zotteligere Rinder dort (und wesentlich mehr Schafe), nicht diese sehr hellen kurzhaarigen Aubrac-Rinder, die hier überall sehr entspannt rumliegen.

Simone ist die erste Pilgerin, die eine extra Kamera mit sich führt und die ebenso gerne fotografiert wie ich. Das macht sie ungefähr genau so langsam wie mich. Wir sind stundenlang entzückt - so viele Motive, die sich hier anbieten (ich brauche sowieso nur ein paar schrägstehende Steine, um auszuflippen).

Neben Rindern und Pferden zeigen sich auch Esel in dieser Landschaft. Dieser langohrige Gesell sieht aus, als suche er Gesellschaft, während der Wind kräftig durch sein Fell und die blühenden Wildblumenwiesen wuschelt. Ich bin keine Botanikerin, aber ein paar wilde Orchideen glaube ich zwischendrin zu erkennen.


Das Aubrac bleibt karg. Eine Gegend, bei der man sich schon bei guten Wetter wie heute fragt, wie das hier wohl bei schlechtem Wetter zugeht. Ich weiß von ein paar Leuten, dass sie nicht mal sechs Wochen vor mir hier im Schnee durchgestapft sind. Die Winter können extrem schneereich sein, insgesamt ist das Klima sehr feucht.

Am höchsten Punkt des Tages: Roc de Loups
Der höchste Punkt der Etappe ist ganz natürlich durch ein paar große Steine markiert. Groß genug für einen kleinen Dolmen wären sie allemal, aber ich glaube, es sind einfach nur zufällig dort liegende Steine. In deren Windschatten ist es zwar ganz angenehm, aber ich merke, selbst dort kühle ich doch ganz schön schnell aus.

Stargatematerial
Unmittelbar darauf, etwa 200 Meter abseits des Jakobsweges, zeigt sich dann dieser steinerne Ring. Sieht fast aus wie das Sternenportal aus der Serie Stargate. Wie ein altes Tor zu einer anderen Dimension, aber Oculus, so sein Name, ist deutlich jünger, als es aussieht. Es ist eine moderne Orientierungstafel, entstanden aus einem einzigen 2,20 Meter großen Basaltblock. Himmelsrichtungen und umliegende Gipfel sind eingraviert – und durch die Öffnung gibt’s den passenden Rundumblick gleich dazu.


Danach geht es wieder bergab, und langsam taucht am Horizont eine Straße auf.
Zurück in der Zivilisation. Bei Kilometer 20 erreiche ich Rieutort-d’Aubrac. Ich hätte nichts gegen einen weiteren Teesalon, aber dieser Gedanke ist wohl zu dekadent, um Realität zu werden.
Dafür erwartet mich eines der großartigsten Panoramen der ganzen Etappe, der tiefblaue Wasserlauf des Flusses Bés.

Dieser wird gekrönt von einer wunderschön restaurierten romanischen Steinbrücke, die diesen überspannt.

Ab nach Nasbinals
Nach diesem echten Höhepunkt passiert nicht mehr wahnsinnig viel. Aber es war auch genug. Die letzten rund fünf Kilometer geht es gemütlich hinunter nach Nasbinals und in die öffentliche Herberge, wo ich erschöpft, aber erfüllt mit meinem Dasein, ankomme.
Ich gehe noch schnell einkaufen, bevor ich mir nach den obligatorischen täglichen Tätigkeiten, zur Abwechslung mal selbst ein Abendessen zu bereite. Kein 3-Gänge-Menü. Dann falle ich kaputt ins Bett.
Ich freue mich auf eine erholsame Nacht, denn die letzte war ja von permanenten Sägewerkarbeiten und meinen Zeigefingern in den Ohren geprägt gewesen.
Ich teile das Dorm mit 2 netten, älteren Französinnen. Da sagt die eine beim Lichtausmachen: "Ich entschuldige mich schonmal, aber ich schnarche ein bisschen."
Ich weine innerlich.
Wenn ich wieder zuhause bin, suche ich mir als Erstes eine anonyme Selbsthilfegruppe für hochsensible Schläfer.
6. Übernachtung: . Gite d'Etape communale "Maison Richard"
Eine öffentliche Herberge. Das Haus von außen nicht besonders vertrauenserweckend und schon älter, aber innen war alles sauber und in Ordnung. Habe in einem Vierer-Zimmer übernachtet für unter 20 Euro. In den öffentlichen französischen Herbergen wird kein gemeinsames Essen angeboten und man muss sich selbst versorgen, entsprechend gibt es eine voll ausgerüstete Küche und im Ort einen Lebensmittelladen, alternativ auch Restaurants. Die Person, bei der ich die Übernachtung bezahlt habe, war allerdings eine besondere Erscheinung, aber das soll vorkommen.
Fazit zur sechsten Etappe:
Eine Etappe, die nicht mit Sehenswürdigkeiten um sich wirft, sondern mit spektakulärer Landschaft. Und genau darin liegt ihr Reiz. Das Aubrac ist rau, karg und gleichzeitig wunderschön – zumindest solange der Wettergott gute Laune hat.
Etappe 6 auf einen Blick
Start: Aumont-Aubrac
Ziel: Nasbinals
Entfernung: ca. 28 km
Höhenprofil: 600 Hm bergauf. 460 bergab. Es bleibt wellig, aber entspannter.
Highlights: Hochmoorebene des Aubrac mit Panorama am steinernen Ring & an der historischen Brücke Marchastel
Der nächste Etappenstopp heißt für mich: Saint-Chely-d'Aubrac. Wenn du Frau Pilgerhut weiter durch Frankreich begleiten willst, lies weiter im nächsten Beitrag.
Alle Kommot-Tracks unter meinen Beiträgen habe ich selbst mit meiner Garmin Fenix Uhr aufgenommen. Es handelt sich um Bruttozeiten vom Start bis manchmal weit nach der Ankunft, inklusive sämtlicher Pausen, Trödeleien und Vergesslichkeiten. Sie sind nicht als Richtwerte für Gehzeiten zu verstehen.
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