Via Podiensis Etappe 4: La Clauze - Saint-Alban-sur-Limagnole | Erfahrungsbericht, Tipps & Highlights


La Clauze - Saint-Alban-sur-Limagnole 25 Km
Mein Tag 4 auf der Via Podiensis führt mich von La Clauze nach Saint-Alban-sur-Limagnole. Wow! Breathtaking. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn es sind erneut ein paar Höhenmeter zu überwinden. Dennoch liebe ich es! Und bin megabegeistert von der Einsamkeit und rauen Schönheit der Hochebene. Der Tag bezaubert mich mit immer neuen Ausblicken, Aubrac Rindern, Fotomotiven. Das habe ich so nicht erwartet. Dazu Sonne und Wind in angenehmer Dosierung – klimatisch nah am Pilgerjackpot.
Startschuss verpasst
Habe superbe geschlafen. Beim Tee trinken im Aufenthaltsraum und Fertigmachen frage ich mich allerdings, ob ich etwas Wichtiges verpasst habe. Warum sind denn wieder fast alle auf der Flucht? Heute wird es nicht mal mehr heiß laut Vorhersage.
Die Beobachtung dieser morgendlichen Pilgerpanik ist nicht neu für mich. Auf dem Francés in Spanien vor vier Jahren war es noch wesentlich ausgeprägter und vor allen Dingen ein Vorteil für Nachtaktive. Früh und schnell loszukommen schien für viele Pilger oberste Priorität zu haben. Kein Kaffee, kein Talk, keine Verabschiedung. Schließlich könnte der Weg ja ohne sie anfangen.
Solange mich das Wetter, genaugenommen die Hitze, nicht zwingt mich diesem superfrühen Modus anzupassen, bin ich kein Fan von Stirnlampenstolperei. Und so stolpere ich heute wieder ohne Stirnlampe los. Allein, denn Linda ist gestern wegen ihrer anhaltenden Fußprobleme bereits in Saugues geblieben und wird mich kaum einholen.
Die ersten Kilometer des Tages nach La Clauze kommen noch ein paar vereinzelte Gehöfte, aber das war’s dann ansonsten erstmal mit Zivilisation. Die Strecke ist komplett mir. Eigentlich habe ich nicht das Gefühl, dass ich extrem antizyklisch unterwegs bin, aber ich treffe keine Menschenseele. Wo sind denn die 150 Leute geblieben die vor 3 Tagen mit mir in Le Puy gestartet sind? Einfach von der Landschaft verschluckt. Kein schlechtes Schicksal, denn die ist bildschön heute.

Lou Granjo und sein Lou Problem

Nach ungefähr zwei Stunden, direkt an der Via gelegen in der Nähe von Chanaleilles komme ich an einer charmanten Outdoor-Einkehrmöglichkeit, dem fest installierten Foodtruck "Lou Granjo", vorbei, was im hiesigen Dialekt so viel heißt wie: Der Bauernhof. Wer des Französischen nicht mächtig ist und bei „Lou“ eher an die amerikanische Bezeichnung für einen stillen Ort denkt, könnte kurz Hoffnung schöpfen. Diese wird allerdings gleich wieder zunichtegemacht: Direkt neben dem Schild mit dem Namen prangt ein Bild mit einer durchgestrichenen Toilette. Lou Granjo hat also nichts mit dem zu tun, was manche Amerikaner unter „Lou“ verstehen – und schon gar nicht mit dem Ort, an dem sie dieses Wort vermutlich am liebsten benutzen würden.
Dennoch frage ich mich, welche ungesunde Erfahrung hinter dem durchgestrichenen Kloschild und einer rot-weißen-Absperrkette vor dem Eingang steht. Das hängt ja alles nicht zufällig da. Aus Höflichkeit verzichte ich aber auf die delikate Nachfrage und erkundige mich stattdessen, ob heute schon andere Pilger vorbeigekommen sind, was der Mann hinter der Theke verneint.
Ich finde das komisch. Wie kann das sein? Müsste er doch eigentlich die, die heute vor mir gestartet sind gesehen haben, auf Klo kann er ja nicht gewesen sein.
Rein zeitlich gesehen ist es noch ein wenig früh für ein zweites Frühstück, aber ich habe auf dem ersten Teil der Via Podiensis im letzten Jahr gelernt, dass man nicht lange fackeln sollte, wenn sich eine gute Gelegenheit zum Essen oder Trinken ergibt. Mache das jetzt ähnlich freudig wie die Hobbits, die ja auch 24/7 Hunger haben - uns einen wohl gemeinsame Vorfahren. Die Menükarte lädt zu frisch gebrutzelten Köstlichkeiten ein, also bestelle ich ein Pilzomelette und dazu noch einen hausgemachten Rhabarberkuchen.
Während ich auf mein Essen warte, tauchen tatsächlich ein paar weitere Pilgerfiguren auf. Ein Trio, männlich, deutsch, Camper, das sich unterwegs gefunden hat, von zuhause aus den ganzen Weg bis Santiago geht und eine Mutter mit ihrem erwachsenen Sohn aus Baden-Württemberg. Ich freue mich über die Begegnungen und auch darüber mich endlich mal wieder ein bisschen fließender unterhalten zu können, ohne ständig die Stirn in französische Denkerfalten ziehen zu müssen.

Panoramatag auf der Hochebene
Weiter gehe ich trotzdem allein. Und das bleibt auch so für den Großteil des Tages, aber ich empfinde das heute als Luxus und als Freiheit pur. Das Panorama lässt sich schlecht in Worte kleiden, die Strecke ebenfalls. Ich finde beides atemberaubend (bergauf zumindest). Trotz der Anstrengung - es macht mir heute so eine Freude unterwegs sein zu können. Ich schicke einer Pilgerfreundin eine Sprachnachricht: An Tag 4 fühle ich mich wieder angekommen auf dem Jakobsweg.



Gestatten - Mein Name ist Pivois
Irgendwann grast am Wegesrand ein angepflocktes Eselchen, das ein hölzernes Lastengestell trägt. Einige Meter daneben sitzt ein Paar in Pilgerklamotten neben den vollen Satteltaschen und picknickt.
Ich bin neugierig und frage nach. Die beiden stellen mir "Pivois" ihren Miet-Esel vor, mit dem sie zusammen pilgern. Gemütlich ist dabei Programm: zwei bis drei Kilometer pro Stunde schafft ein Esel und maximal 15 Kilometer am Tag, darüber hinaus verlöre er stark an Flexibilität.
Ich muss schmunzeln, ich habe anscheinend mehr Gemeinsamkeiten mit einem Esel, als ich bisher glaubte.
Übernachtet wird in Gîtes, die freundlicherweise nicht nur Pilger, sondern auch deren langohrige Begleiter beherbergen. Fünf Tage sind die drei unterwegs. Eine ziemlich außergewöhnliche Art zu pilgern, finden sie. Und ich auch.
Esel-Funfacts:
Das Pilgern mit einem Packesel hat in Frankreich eine lange Tradition und ist besonders im Zentralmassiv sehr beliebt. Der absolute Hotspot für Miet-Esel-Pilgern ist der Abschnitt zwischen Le Puy und Conques.
Es ist eine entschleunigende Art zu reisen – bringt aber ganz eigene Regeln und Dynamiken mit sich, denn es geht a auch viel nach Esel's Kopf (Oh! Eine Brücke, da gehe ich nicht drüber!).
Den Packsattel und Taschen bekommst du gestellt; um Unterkünfte, die auch eine Wiese oder einen Stall sowie Wasser und Heu für das Tier bereitstellen, musst du dich selbst kümmern. Am besten im Voraus.

Passhöhe Col de L' Hospitalet
Nach ungefähr 15 Kilometern erreiche ich auf ca. 1300 Metern die Passhöhe Col de l’Hospitalet. Im Mittelalter stand an dieser Stelle ein Hospital in dem Pilger eine Unterkunft und vermutlich auch etwas zu essen bekamen, wo genau kann ich nicht erkennen, es gibt nur noch einen Schotterplatz und eine nahe Quelle, die Beschwerden lindern soll.
Kurz hinter dem Pass wartet dann die Kapelle Saint-Roch für einen kurzen Stopp. Viel mehr als ein hübsches Fotomotiv von außen ist sie allerdings nicht, denn sie ist verschlossen. Ich lese, dass die heutige Kapelle 1900 errichtet wurde, nachdem ihre Vorgängerbauten mehrfach dem Wetter zum Opfer gefallen waren.
Keine Ahnung, ob das schon solide Baukunst war oder nur genagelte Bretterbuden waren, aber es lässt den Schluss zu, dass das Wetter hier Charakter hat.
Ein paar Hundert Meter später rufe ich "Au revoir, Haute Loire!" und passiere die Grenze zum Departement Lozère, was sofort durch schönen lichten Pinienwald besticht.
Pech & Glück in St. Alban-sur-Limogne
Dann geht es noch für mich die letzten eineinhalb Stunden des Tages durch die immer wieder bezaubernde Natur...

...bevor ich reichlich spät und ziemlich platt in der Kleinstadt St. Alban einlaufe, wo ich als erstes mal einen Bankautomaten suche, denn ich brauche dringend Bargeld. In den meisten Herbergen kann man immer noch nur bar bezahlen. Ich habe Pech. Der einzige Automat in town ist leider kaputt. Hoffen wir mal, dass ich morgen in Aumont-Aubrac mehr Glück habe.
Aber wenigstens schaffe ich es gerade noch so in die romanische Kirche St. Alban zu huschen. Eigentlich will die Nonne die Kirchentür gerade abschließen, als ich ankomme, aber als sie meinen enttäuschten Blick sieht, lächelt sie mir zu und ich darf die Kirche noch besuchen. Eigentlich hat Saint Alban noch viel mehr zu bieten in Sachen Literatur, Kunst und Historie, aber für mich reicht es danach leider nur noch für den Gang zu meiner Gite.
4. Übernachtung: Gite "La butte aux oiseaux"
Oha. Eine verschlossene Eingangstür. Erhöhter Schwierigkeitsgrad für mich: Telefonat mit dem abwesenden Besitzer, der leider nur ein dialektverseuchtes Französisch sprach, mit dem er mir versuchte zu erklären, wie ich alleine in die Herberge komme und das richtige Bett finde. Hab's schlie gerockt, aber Glück war definitiv erneut im Spiel.
Die Herberge war leer als ich ankam, später waren wir nur zu Dritt. Übernachtung war in Ordnung, das Essen auch, allerdings nicht mehr als das. Mir fehlte insgesamt ein wenig "Pilgerspirit". In St. Alban gibt es genügend Übernachtungsmöglichkeiten. Beim nächsten Mal würde ich eine andere ausprobieren.
Fazit zur vierten Etappe:
Pilgern für die Seele. Freiheit pur. Wer's gerne einsam, rau, weit und ein bisschen wild mag, wird diese Etappe lieben.
Etappe 4 auf einen Blick
Start: La Clauze
Ziel: Saint-Alban-sur-Limagnole
Entfernung: ca. 25 km
Höhenprofil: 500 Hm bergauf. Nur teilweise steil. Höchster Punkt der Etappe mit 1300 Metern kurz nach der Hälfte erreicht, den Rest sanft abfallend bis St.-Alban
Highlights: die weite Landschaft der Margeride. Für Liebhaber von Fotografie
Der nächste Etappenstopp heißt für mich: Aumont-Aubrac. Wenn du Frau Pilgerhut weiter durch Frankreich begleiten willst, lies weiter im nächsten Beitrag.
Alle Kommot-Tracks unter meinen Beiträgen habe ich selbst mit meiner Garmin Fenix Uhr aufgenommen. Es handelt sich um Bruttozeiten vom Start bis manchmal weit nach der Ankunft, inklusive sämtlicher Pausen, Trödeleien und Vergesslichkeiten. Sie sind nicht als Richtwerte für Gehzeiten zu verstehen.
.png)























Kommentare