Pilgern auf der Via Gebennensis: Yenne - St.-Maurice-de-Rotherens Etappe 7
- Pilgern unter einem Hut - Unterwegs mit Sandra

- 13. Okt.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. Nov.
Lies unten, warum der Chemin de St. Jacques heute zum Bach mutiert und warum Frau Pilgerhut schlechte Laune hat
Via Gebennensis - Tag 7 - Bergauf & die unauffällige Kunst hungrig zu sein

Moderate Überschwemmungswarnung

Blick auf die Wetterapp: Moderate Überschwemmungswarnung! Aha. Es ist zwar fies grau draußen, als ich meine Unterkunft in voller Regenmontur samt Rucksackschutz verlasse, aber nach Überschwemmung sieht es in Yenne nicht aus. Das Wasser des vergangenen Abends steht zumindest nicht mehr auf der Straße. Auf das Rendezvous mit der Arche kann ich also erstmal verzichten. Bei einem Stopp im Supermarkt fülle ich meine Vorräte nochmal auf. Ich habe gelernt: Siehst du einen offenen Supermarkt - Nutze die Gunst der Stunde!
Der Weg raus aus der Stadt zieht sich. Erneut verlaufe ich mich, lande diesmal zwar nicht wie gestern bei den Bienen, aber vor einem großen, schwarzen Hund, wie ich allein unterwegs, der sich vor mir mitten auf der Straße aufbaut. So als wollte er sagen - hier geht s nicht weiter für dich. Und er hat Recht, denn er verhindert mit seinem bestimmten Auftreten weitere Umwege und verhilft mir zu einem längst überfälligen Blick auf meine App. Kehrtwendung.
Hörspiele
Hinter Yenne geht es schnell bergauf, über klatschnasse Wiesen und Kuhweiden, höher und höher. Eigentlich hätte ich an dieser Stelle einen tollen Blick auf einen markanten Gipfel, den "Dent du Chat" haben sollen, aber ich sehe heute überhaupt keine Berge. Sie sind gehüllt in dichte Wolken, wie damals schon die Pyrenäen auf meiner Camino Francés Tour. Dann geht es in den Wald, der Untergrund entweder matschig weich zum Einsinken oder steinig nass zum Ausrutschen. Der Weg heute ist wieder eine echte Herausforderung. Der Anstieg wäre für mich und meine armen Bronchien selbst schon anstrengend genug, ohne zusätzliche Wetterkapriolen und die daraus resultierenden Hürden.
Während ich mich langsam voran arbeite, rauscht es plötzlich immer lauter, in dem sonst so stillen Wald, als würden die Niagarafälle neben mir ins Tal donnern. Vielleicht wäre es jetzt doch langsam Zeit für einen Ticketerwerb für die Arche?
Natürlich ist es nur eines dieser sanften Bergbächlein, die sonst beruhigend vor sich hin gurgeln, das sich in einen tosenden Wasserlauf verwandelt hat. Ich kann die Quelle des Geräuschs nicht mal sehen, höre sie nur und hoffe von ganzem Herzen, dass ich sie nicht ohne Brücke überqueren muss. Der viele Niederschlag der letzten Nacht ist offensichtlich immer noch damit beschäftigt sich seinen Weg zurück ins Tal zu bahnen. Es macht mir Angst. Was mache ich hier auf diesem Berg bei diesem Wetter?
Flüssiger Gegenverkehr auf dem Weg
Ich gehe weiter. Das Rauschen wird wieder leiser, sein Ursprung kreuzt glücklicherweise nicht direkt meinen Weg. Irgendwann übernimmt ein sanfteres Plätschern von vorne die Regie im Hörspiel. Und dann sehe ich es auch. Ein ordentlicher Teil des abfließenden Wassers nimmt den einfachsten Weg ins Tal und kommt mir auf meinem Jakobsweg entgegengeflossen. Ist das, was die App mit "moderate Überschwemmungen" gemeint hat? Ausweichen ist keine Option. Also wate ich knöcheltief mit meinen flachen Trailrunnern durch das Wasser, das mir entgegenfließt. Meine angeblich wasserdichten Schuhe verwandeln sich sekundenschnell in Tauchschuhe. Nicht genug damit, von oben regnet es zusätzlich auf mich herab.
Ein schwieriger Weg für Füße, Magen und Kopf
Eigentlich müsste ich es nicht erwähnen, aber wer traut sich bei so 'nem Sauwetter freiwillig auf die Straße? Oder noch viel schlimmer, in die Berge? Außer mir keine Seele, ich fühle mich ziemlich verlassen. Kälte und Nebel, die zunehmen, je höher ich komme, machen es nicht besser. Die Hände klamm, die Füße nass, wate ich bergauf über die nächste glitschige Kuhweide, deren Gatter ich kaum auf und zu bekomme, weil der Mechanismus so straff gespannt ist. Vielleicht bin ich einfach zu schwach, denn ich habe auch noch Hunger wie ein Tier. Aber da es keine einzige trockene Sitzgelegenheit gibt (und im übrigen auch keine nasse), verzichte ich auf eine Pause. Sie würde mich nur noch mehr auskühlen. Also schleppe ich mich samt meinen vor wenigen Stunden gekauften Supplies auf dem Rücken weiter den Berg rauf, statt sie in meinem knurrenden Magen zu neuer Energie umzuwandeln. Ich weiß, dass das nicht richtig ist. Meine Stimmung ist weit unter dem Nullpunkt, selbst ein aus der Balance geratener Teebeutelschnurtester hätte mehr Freude an seinem Job, als ich heute auf meinem Weg. Als ich schließlich ziemlich kaputt den Col du Tournier, die höchste Stelle des Tages mit einer angeblich hübschen Aussicht erreiche, beträgt die Sicht unter 50 Meter. Trotz meiner miesen Laune bin ich heilfroh unfallfrei oben angekommen zu sein.
Ich checke mein Lage. Statt weiter dem Jakobsweg zu folgen und auf dem nassen Waldboden nun wieder hundertfünfzig Höhenmeter abwärts zu schlittern, entscheide ich mich auf der relativ parallel verlaufenden asphaltierten Passstraße weiterzugehen. Diese wird sonst gern von Radrennfahrern als Übungsterrain genutzt, und wohl auch von Autos befahren, aber heute ist die Straße genau so leer wie der Jakobsweg. Kein Mensch ist über den Pass unterwegs.
Mein Ziel: Saint-Maurice-de-Rotherens
Auf der Straße geht es sich vergleichsweise wirklich gut, also nehme ich meine restlichen Kräfte zusammen und marschiere magenknurrend und quietschend die letzten drei Kilometer bis ich meine Gite d'etape "Les Hirondelles" in St.-Maurice-de-Rotherens (nur ein paar versprengte Häuser ohne Infrastruktur) erreiche, wo ich heute schlafen werde. Dort hat die Betreiberin Isabelle tatsächlich bereits den Ofen angeworfen für die verrückten Pilger, die an so einem bescheidenen Tag über den Berg kommen. Ich schäle mich erstmal aus dem nassen Zeug und kriege sofort einen Tee angeboten. Sie weiß anscheinend, wie sie mein Herz ohne Umschweife gewinnen kann! Ich kann meine Freude über das unerwartete, heiße Getränk und die Möglichkeit mich vor dem Ofen aufzuwärmen nicht verbergen.
Und eine weitere Überraschung - ich bin hier nicht allein! Etwa eine Stunde vor mir sind bereits zwei weitere Pilger hier abgestiegen, die auch ohne Pause durchgelaufen sind, nur etwas schneller als ich. Die beiden netten Sachsen empfehlen mir zum Trocknen Schuhe und Hut unter die Decke ans Gebälk zu hängen. Die Geister scheiden sich, ob mit der Sohle nach oben oder unten. Mir egal. Ich esse erstmal was.
Endlich unter Pilgern
Kurz vor dem Abendessen kommt dann noch Walter aus der Schweiz dazu. Walter ist beinahe doppelt so alt wie ich, geht dafür aber doppelt so weit pro Tag. Er ist heute in Chanaz gestartet. Wahnsinn!
Isabelle kredenzt uns Vieren ein 3-Gänge-Menue und ist die Herzlichkeit in Person. Der erste Gang, Brennnesselsuppe, ist eine Premiere für mich. Nun gut, es wird wohl nicht meine Lieblingssuppe werden, aber interessant ist Farbe und Geschmack allemal. Hauptgang und Nachspeise sind reichlich und sehr lecker. Auch nach dem Essen sitzen wir zusammen und erzählen von unseren bisherigen Erlebnissen auf der Via Gebennensis. Der erste Abend, der leise spanische Camino-Erinnerungen in mir weckt. Auch die an meine verschwundenen Schuhe. Wehe die hängen morgen früh nicht mehr da...
Siebte Übernachtung: Gite les Hirondelles (Schwalbenhaus)
Die Gite hatte Platz für mindestens zehn Personen in zwei Schlafräumen. Als einzige Frau durfte ich alleine in einem Zimmer schlafen. Eine tolle Unterkunft zu einem moderaten Preis mit Abendessen und Frühstück, wirklich empfehlenswert für Leute, die nicht den ganzen Berg herunter bis in die Stadt nach Saint-Genix-sur-Guieres weitergehen wollen, wo die nächste Schlafmöglichkeit wäre. Man kann auch im Garten zelten.
Tagesfazit: 15 sehr fordernde Kilometer für mich für Körper und Geist, verstärkt durch die Nässe, fehlende Sicht, fehlende Pause und fehlende Begleitung. Für diese Strapaze bin ich mit einer tollen Unterkunft und herzlicher Gesellschaft belohnt worden.
Der nächste Etappenstopp heißt für mich: Les Abrets
Wenn du Frau Pilgerhut weiter durch Frankreich begleiten willst, lies weiter im nächsten Beitrag.
.png)



















































Kommentare