Pilgern auf der Via Gebennensis: St.-Maurice-de-Rotherens - Les Abrets Etappe 8
- Pilgern unter einem Hut - Unterwegs mit Sandra

- 24. Okt. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Jan.
Via Gebennensis - Tag 8 - 1. Mal im Accueil jacquaire
Nach der anstrengenden verwässerten Vortagesetappe dachte ich, ich mach heute einen gemütlicheren Tag. Ein bisschen bergab schlendern, dann geradeaus flach und Ende. Keine Ahnung, was ich da wieder gelesen hatte. Es hat wenig mit der Realität zu tun. Da könnte man wiederholt das berühmteste Caminosprichwort überhaupt bemühen: Du bekommst nicht das, was du willst, sondern das, was du brauchst.

Bergab über Grésin nach Saint-Genix-sur-Guiers
Das Wetter hat sich beruhigt, es verspricht zwar ein durch und durch grauer, aber trockener Tag zu werden. Nachdem ich die Gîte Hirondelles als Letzte verlassen habe, führt der Jakobsweg durch Wälder und wilde Wiesen auf Trampelpfaden weiter bergab. Das nächste Dorf, auf das ich treffe, heißt Grésin. Ich besuche dort die Kirche und finde nach einigem Suchen auch den Pilgerstempel vorne in einer Ecke. Meine drei Mitpilger sind wohl schon über alle Berge.
Es ist bereits mein Zweiter heute, denn kurz vor Grésin bin ich bereits auf die allererste private Versorgungsstation auf der Via Gebennensis gestoßen. Neben einem Stempel gibt es Equipment, um sich einen Tee zuzubereiten, auch kann man hier Nüsse und Jakobsmuscheln erwerben. Das Etikett mit dem Pilger auf der Tüte spricht mich natürlich an. Eine Packung Nüsse wandert gegen Bezahlung in meinen Rucksack. Ich freue mich - nach über 100 Kilometern - sehr über dieses erste pilgerfreundliche Angebot.
Als ich später Saint Genix-sur-Guiers erreiche, ein etwas größeres Städtchen, ist es Zeit für eine erste Pause vor dem Rathaus. Nebenan fließen die Flüsse Guiers und Rhone zusammen. Der Guiers ist außerdem die natürliche Grenze zwischen den Departements Savoyen und Isère. Das heißt für mich, dass ich hinter der Brücke das schöne Savoyen verlasse und durch das nächste Departement pilgern werde: Isère.


Gute Gesellschaft im Departement Isère
Kurz hinter Saint-Genix, am Flussufer, schon in Isère, treffe ich auf eine Frau, die vertieft in ihr Handy, mitten auf dem Weg steht, Pilgerrucksack zu mir gedreht. Ist das möglich? Schon wieder jemand der pilgert? Sogar mal, wie ich, eine Frau allein? Als ich sie anspreche, stellt sich heraus: Es ist Franziska aus Zürich, die noch unentschlossen ist, welche Route sie heute nehmen soll. Genau wie ich möchte sie bis Le Puy gehen.
Den Rest des Tages verbringen wir zusammen. Schnell stellen wir fest, dass wir gemeinsame Bekannte und Verbindungen in der deutschen Pilgergemeinschaft haben. Lustig. So klein ist die Pilgerwelt. Franziska ist Pilgerbegleiterin und macht in Zürich regelmäßig Angebote für Pilgernde. Sie hat ein Faible für Architektur und weiß eine Menge über die sehr spezielle Bauweise der alten traditionellen Häuser dieser Region. Es ist sehr kurzweilig mit ihr und dazu sprechen wir auch noch die selbe Sprache, was die Unterhaltung natürlich erleichtert. Wir freuen uns über Blumen - sie liebt besonders die Irisgewächse, die gerade in vielen Farben blühen - genauso wie über Kühe (eingezäunte) und Hühner. Außerdem hat sie die Gabe, die richtigen Fragen zu stellen. Auch spiritueller Natur. Teilweise muss ich länger nachdenken, bevor ich antworten kann. Ich merke heute ganz deutlich welchen Unterschied es macht in Gesellschaft zu gehen. Ich gehe gerne allein (mal abgesehen von der Etappe gestern). Normalerweise. Aber die Zeit vergeht ganz anders, wenn man mit jemand ins offene Gespräch vertieft ist.

Das Highlight des Tages
9 Stunden, 3 mittlere Steigungen und 28 Kilometer später komme ich kaputt im Zentrum von Les Abrets an, wo ich mich von Franziska verabschiede. Sie geht noch etwas weiter zu ihrer Unterkunft im nächsten Ort. Ich kollabiere heute schon zum zweiten Mal auf eine Bank vor ein Rathaus, suche nach der Telefonnummer meiner ersten privaten Gastgeber Hélène und Francois. Ich soll mich melden, sobald ich in der Nähe der Kirche bin, damit sie wissen, dass ich ungefähr 20 Minuten später bei ihnen eintrudele. Ich nehme gerade das Handy in die Hand, da kommt eine Frau auf mich zu: "Vous êtes Sandra? - Sind Sie Sandra?"
Ich bin wie vom Donner gerührt. Es ist Hélène, die mit dem Auto auf dem Parkplatz direkt vor mir steht und mich samt Rucksack einlädt und nach Hause fährt.
Ich habe nicht herausfinden können, ob sie dort auf mich gewartet hat. Wir hatten ja überhaupt keine Ankunftszeit vereinbart! Zufall wird es wohl auch kaum gewesen sein. Vielleicht war ich schon spät dran im Verhältnis zu anderen Pilgern?
Zuhause lerne ich ihren Mann kennen. Er war bis vor ein paar Jahren zuständig für die Wegemarkierung der Via Gebennensis im Abschnitt Rhone-Alpes.
Die beiden lieben und leben alles rund um den Jakobsweg und das Pilgern so sehr, dass sie sich einen Aufkleber mit stilisierter Jakobsweg-Muschel rechts neben die Buchstaben ihres Autokennzeichens geklebt haben. Man stelle sich vor, man würde sowas in Deutschland machen... Skandal!
Das war also das, was der Jakobsweg mir heute geschenkt hat: Neben Franziska zwei herzensgute französische Seelen, die sich um mich kümmern wie um ihr eigenes Kind.
Achte Übernachtung: 1. Acqueil jacquaire - Privatunterkunft in Les Abrets ...
... bei Hélène (gesprochen Elän) & Francois. Sie haben mir jeden Wunsch von den Augen abgelesen, meine Wäsche gewaschen und getrocknet, mir Tee gekocht und ein feines Abendessen mit Gemüsesuppe, Quiche Lorraine (die beste meines bisherigen Lebens) und einer Tarte Tatin (göttlich) serviert. So gütig und herzlich diese beiden Menschen. Unglaublich! Gewöhnungsbedürftig nur, dass sie den Tee morgens aus riesigen Schüsseln trinken, in die sie gerne ihr Baguette tauchen.
Die Acqueils jacquaires werden alle auf Spendenbasis geführt und werden entsprechend bar bezahlt. Im Zimmer findet man eine Box in die man eine für die Beherbergung mit Essen angemessene Summe hineinlegt.
Tagesfazit: 100 Mal besser als gestern! Ich habe das bekommen, was ich gebraucht habe: trockenes Wetter, Tee, wunderbare Gesellschaft, Nüsse und eine fantastische Unterkunft. Morgen mach ich aber wirklich langsam. Heute habe ich wieder stark gehustet. Franziska sagte, ich solle meine Bronchien lieber schonen und mal weniger durchbluten.
Der nächste Etappenstopp heißt für mich: Le Pin.
Wenn du Frau Pilgerhut weiter durch Frankreich begleiten willst, lies weiter im nächsten Beitrag.
Leider hatte ich technische Probleme bei der Aufzeichnung der Route, deshalb sind es heute 2 Teile:
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