Camino Francés Erfahrungen: Meine ersten 7 Tage auf dem Jakobsweg

Aktualisiert: vor 4 Tagen
Allein auf dem Camino Francés, mit 50 Jahren, einem Rucksack und einem Hut. Ende April 2022 starte ich in Saint-Jean-Pied-de-Port mein lang ersehntes Abenteuer. In sechs Wochen möchte ich Santiago de Compostela erreichen. Die logistische Vorbereitung? Gut. Die Fitness? Ausbaufähig. Die Entschlossenheit? Unerschütterlich. Was in meiner ersten Woche passiert, habe ich mir trotzdem ein bisschen anders vorgestellt. Frau Pilgerhut erzählt mal ein bisschen davon:
Saint-Jean-Pied-de-Port: Vorfreude mit Aussicht auf die Pyrenäen

Der Ort und seine Umgebung riechen aus allen Poren nach Frühling und Pilgerschweiß. Saint-Jean-Pied-de-Port – kurz SJPdP – ist bei mir Liebe auf den ersten Blick. Das großartige Panorama, die besondere Atmosphäre und die Geschäfte voller regionaler Köstlichkeiten haben es mir sofort angetan. Besonders der Laden mit den Miniaturgitarren legendärer Rockgitarristen bleibt mir im Gedächtnis. Pilgerromantik ist schließlich nicht alles.
Überall begegnen mir alte Steine und Jakobsmuscheln: eingemauert, in den Boden eingelassen oder als Souvenir zu kaufen. Man spürt, dass hier seit Jahrhunderten Menschen ihre Reise nach Santiago beginnen.
Und morgen bin ich eine von ihnen.
Ich bin gerade 50 geworden. Sechs Wochen habe ich für die rund 800 Kilometer bis Santiago eingeplant. Ich gehe allein. Nur mein Hut, mein Rucksack und ich. Was für eine blöde Idee. Ich bin mächtig aufgeregt.
TAG 1: Saint-Jean-Pied-de-Port – Orisson
"Mein Abenteuer beginnt mit einem einzelnen Schritt."
Acht Kilometer. Das klingt überschaubar. Wenn diese acht Kilometer allerdings überwiegend steil bergauf führen, relativiert sich die Sache.
Der Aufstieg nach Orisson fordert mich ordentlich. Der Frühling vom Vortag bleibt irgendwo unten im Tal zurück. Es wird kalt, ungemütlich und schließlich auch nass. Die Pyrenäen zeigen mir gleich am ersten Tag, dass sie meine Reisepläne nicht gelesen haben.
Meine Entscheidung, die Pyrenäenüberquerung in zwei Etappen aufzuteilen, erweist sich als goldrichtig. Meine Kondition und ich müssen uns noch deutlich aneinander annähern.
Mein Tipp: Wer nicht gut trainiert ist oder sich einen entspannten Start wünscht, kann die Route Napoleon auf zwei Tage verteilen und in Orisson oder Borda übernachten. Unbedingt frühzeitig reservieren! Die Übernachtungsplätze auf diesem Abschnitt sind begrenzt.
TAG 2: Orisson - Roncesvalles
"Wie Sie sehen, sehen Sie nichts!"
Mistwetter! Sechs Grad, Regen und dichter Nebel. Das ist die Aussicht auf der Route Napoleon über die Pyrenäen.
In meinen Vorstellungen sah das anders aus. Ich hatte mit großartigen Panoramen gerechnet, mit Fotos, bei denen andere Pilger vor Neid ihre Wanderschuhe ausziehen. Stattdessen sehe ich: Nebel. Nebel. Nebel.
Konditionell ist diese Etappe eine einzige große Herausforderung. Der Weg über die Pyrenäen verlangt mir alles ab, und das Wetter macht die Sache nicht angenehmer.
Als endlich das Kloster von Roncesvalles vor mir auftaucht, bin ich entsprechend erleichtert. Drinnen ist es sogar beheizt. Grandios. Luxus definiert sich auf dem Jakobsweg anders als sonst.
Die Aussicht auf die Pyrenäen muss ich mir wohl für einen weiteren Camino Francés aufheben.
TAG 3: Roncesvalles - Zubiri
"Wer schlecht eingelaufenes Schuhwerk hat, ist heute reif für die ersten Blasen."
Nur noch 790 Kilometer bis Santiago. Also praktisch schon fast da.
Dass ungefähr 300 Pilger gleichzeitig vom Kloster Roncesvalles aufbrechen, sorgt auf den ersten Kilometern für ordentlich Betrieb. Es ist deutlich voller, als ich erwartet hatte, später verteilt es sich etwas.
Der letzte steile Abstieg über Steinplatten nach Zubiri ist eine Herausforderung, die am Ende des Tages viel Konzentration erfordert, um nicht zu stolpern. Wanderstöcke auf diesem Stück absolut zu empfehlen! Erste Blase unvermeidbar.
Leider war ich zu beschäftigt mit Reden und nicht Umfallen, um im zweiten Teil der Etappe auf dem Abstieg Fotos zu machen.
Tipp: Zubiri ist ein bettentechnisch ein Nadelöhr. Langschläfer und langsame Pilger reservieren besser vor!
TAG 4: Zubiri - Pamplona
"Mit dem Energielevel eines Braunbären im Winterschlaf habe ich mich nach Pamplona geschleppt."
Meine Annahme, dass es ab Zubiri mehr oder weniger flach bis Pamplona weitergeht, war ausgesprochen optimistisch und nicht besonders faktenbasiert.
Auch diese Etappe hat ihre erwähnenswerten Hügel. Landschaftlich ist sie schön, aber meine Beine haben inzwischen eine eigene Meinung dazu entwickelt.
Nach den vorausgegangenen, sehr anstrengenden Tagen, die mich über meine Leistungsgrenze hinaus gefordert hatten, fühle ich mich müde und ausgelaugt. Mein Körper scheint der Ansicht zu sein, dass wir uns nach drei Wandertagen genug kennengelernt haben und die Zusammenarbeit nun beenden könnten.
Ein Friedensangebot an ihn: In Pamplona legen wir einen Ruhetag ein.
Immerhin, das Wetter wird deutlich freundlicher. Es ist wärmer, die Sonne zeigt sich und die Aussicht auf eine richtige Stadt mit Cafés, gutem Essen und einem Bett ohne Weitermarsch am nächsten Morgen hebt die Stimmung erheblich.
TAG 5: Pause in Pamplona
"Niemand weiß, was in ihm drinsteckt, solange er nicht versucht, es herauszuholen." (Ernest Hemingway)
Pamplona empfängt mich mit Traumwetter. Mir gefällt die Stadt auf Anhieb. Genau wie dem alten Ernest Hemingway damals. Im Café Iruña, einem bekannten Treffpunkt des Schriftstellers, soll er so einige Peseten gelassen haben. Heute steht dort eine lebensgroße Bronzestatue von ihm. Man könnte meinen, er war Stammgast.
Pamplona begeistert mich mit architektonischem Charme, lebhaften Plätzen und spanischer Lebensfreude. Nach den anstrengenden Tagen in den Pyrenäen ist es wunderbar, einmal nicht auf die nächste Steigung achten zu müssen.
In der Nähe der Kathedrale entdecke ich außerdem einen Pilgershop. Natürlich schaue ich mich dort um. Man ist ja nicht zum Vergnügen hier. Also, nicht ausschließlich.
Abends treffen sich die Pilger in den Restaurants rund um die Plaza del Castillo. Die Luft ist mild, die Stimmung entspannt und der Frühlingsabend einfach herrlich.
Mein Tipp: Wenn dich die ersten Etappen mehr Kraft kosten als erwartet, gönn dir in Pamplona einen Ruhetag. Du musst niemandem etwas beweisen. Der Camino ist kein Wettrennen.
TAG 6: Pamplona - Puente la Reina
"Der Alto de Perdon kennt heute kein Pardon."
Hinter Pamplona wartet der nächste Berg auf seine Bezwingung. Der Alto de Perdon auf dessen Höhe das berühmte, viel fotografierte Pilgerdenkmal errichtet wurde. Der Wind bläst kräftig hier oben, weshalb man wohl in der Nähe eine Menge Windräder aufgestellt hat. Ich werde fast samt Hut weggeweht. Außerdem ist es ungemütlich kalt, der Himmel dunkelgrau. Zu ungemütlich für eine längere Pause. Weiter geht es vorbei an blühenden Rapsfeldern nach Puente de la Reina. Die Stadt liegt am Fluss Arga und ist vor allem für ihre mittelalterliche Brücke bekannt. Sie wurde im 11. Jahrhundert extra für die Pilger gebaut! Ich betrachte das Bauwerk mit großer Dankbarkeit. Eine Brücke ist mir deutlich lieber als eine spontane Schwimmeinlage mit Rucksack.
TAG 7: VPuente la Reina nach Villatuerta
"Blumen sind das Brot für die Seele." (chinesische Weisheit)
Heute hat meine Seele einen ziemlich gut gefüllten Blumenmagen. Die Etappe ist ein Fest für Blumenliebhaber. Überall leuchten knallrote Mohnblumen, die im Englischen so hübsch poppies heißen. Ich könnte tausend Fotos machen. Vernünftig wie ich bin, beschränke ich mich auf ungefähr zwanzig.
Auf dem Camino gibt es außerdem immer wieder kleine Pilgeroasen, die scheinbar aus dem Nichts auftauchen. Für eine Spende bekommt man Obst, Nüsse, Kekse, Kaffee, Tee oder kalte Getränke, nur keine Elektrolytinfusion.
Ich mache in einem uralten Olivenhain Pause, zusammen mit anderen erschöpften Pilgern. Vögel zwitschern, kleine Windspiele schaukeln sanft in der Luft. Für einen Moment muss ich nichts leisten, nichts erreichen und nirgendwo ankommen.
Ich sitze einfach da.
Ein Augenblick für die Ewigkeit.
Und dann geht es weiter.
Ich bin noch immer jeden Abend vollkommen erledigt. Meine Kondition ist nach wie vor ausbaufähig, meine Füße melden sich regelmäßig zu Wort und die Entfernungen auf den Wegweisern wirken manchmal verdächtig lang.
Aber ich komme jeden Tag dort an, wo ich es mir vorgenommen habe.
Unfassbar! Die erste Woche auf dem Camino Francés ist tatsächlich schon vorbei. Sie war anstrengender, als ich erwartet hatte, und voller Eindrücke, mit denen ich nicht gerechnet habe.
Ich habe die Pyrenäen bei Nebel überquert, meine erste Blase gesammelt, mich nach Pamplona geschleppt, dem Wind auf dem Alto del Perdón getrotzt und in einem Olivenhain die Zeit vergessen.
Und ich bin immer noch unterwegs.
Nur mein Hut, mein Rucksack und ich.
Du möchtest wissen, welche Camino Francés Erfahrungen ich als nächstes mache?
Santiago ist schließlich noch nicht um die Ecke. In den nächsten Etappen erzähle ich, immer wochenweise, was mich zwischen Villatuerta und Santiago erwartet.
Mit persönlichen Erfahrungen, kleinen Katastrophen und praktischen Tipps für deinen eigenen Jakobsweg.
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