18. Hamburger Pilgermesse: Willkommen in der Welt der Pilger oder beim Camino-Klassentreffen
- Pilgern unter einem Hut - Unterwegs mit Sandra

- 2. März
- 8 Min. Lesezeit
Am 21. Februar 2026 öffnete die Pilgermesse in Hamburg erneut ihre Tore. Wie im Vorjahr waren es die der Hauptkirchen St. Katharinen und St. Petri.
Nach meinen durchweg positiven Erlebnissen des letzten Jahres als Ausstellerin, sehnte ich mich wieder nach dem ordentlichen Schuss Pilgermagie, den ich dort verspürt hatte. Es war weniger eine bewusste Entscheidung als eine innere Selbstverständlichkeit zurückzukehren, denn für einen Tag verwandelt sich dort ein Stückchen Hamburg in einen kleinen, lebendigen Pilgerkosmos. Einen Ort, an dem Informationen über europäische Jakobswege, Unterkünfte, Organisationen und Pilgerbücher in erstaunlicher Dichte sprudeln, Denkanstöße und Flyer großzügig verteilt werden, und inspirierende Gespräche mit unbekannten Menschen geführt werden, so selbstverständlich, als wäre man schon lange vertraut miteinander.
Kurz gesagt: ein Tag zwischen Bücherseiten, Camino-Fernweh, Prospektmaterial, Vorträgen, Pilgersuppe und der lauten inneren Stimme, dass man eigentlich längst wieder losgehen möchte:
Welcome to the world of pilgrims.
Eröffnungsworte zum Donnerstag: Wetter first

Dieses Mal empfing die von ihrer Lage her grundsätzlich eher kühl temperierte Stadt die Messebesucher und AusstellerInnen, die -wie ich- bereits am Donnerstag angereist waren, mit einem klimatischen Extrabonus: Teilweise spiegelglatte Wege, eisige Temperaturen und schneidend kalter Wind, der selbst durch alle meine Merinoschichten kroch. Ein Spaziergang an den Landungsbrücken empfand ich, trotz Sonne, als so ungemütlich, dass ich mir vornahm am Freitag als erstes morgens einen Schal zuzulegen, nicht aus modischen Gründen, sondern aus schlichter Selbsterhaltung. Es hätte mich auch nicht gewundert, wenn auf der Elbe ein Eisbär auf seiner Scholle an mir vorbeigetrieben wäre, aber es blieb für mich bei der Beobachtung von einer Schar aufgeplustert-verfrorener Vögeln, die frustriert auf der gefrorenen Außenalster hockten. Meine starke Hoffnung für den Samstag: Nicht ähnlich erstarrt in einer kalten Kirche stehen zu müssen.
Warme Worte zum Freitagabend: Aufbau & Essen
St. Katharinen. Standaufbau ab 17.00 Uhr. Meine Gebete wurden umgehend erhört: Die Kirche ist beheizt. Aus einem Schacht zu meinen Füßen strömt großzügig warme Luft – ganz profan, aber in diesem Moment nicht weniger als ein kleines Wunder. Der sanfte Luftzug und eine tiefe Dankbarkeit umspülen mich.
Ein amüsantes Detail am Rande: Letztes Jahr hatte ich Tischnummer 24. Dieses Jahr ist es die 42. Zwei-Vier | Vier-Zwei. Ich mag solche „Zufälle“. Wie bereits schon an anderer Stelle erwähnt, ist das nicht nur meine Schuhgröße, sondern bekanntlich auch die von Douglas Adams in seinem Per-Anhalter-Kultbuch formulierte Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest.
Und wenn ich ehrlich bin: Wegen genau dieses „ganzen Rests“ bin ich doch auch hier.
Eine liebgewonnene Tradition ist es für viele Beteiligte sich nach dem Aufbau zum gemeinsamen Abendessen in einem Restaurant zu treffen. Dafür soll man sich im Vorfeld der Messe -verständlicherweise- bereits anmelden. Letztes Jahr war das "Einstein" das Epizentrum der hungrigen Pilgergemeinschaft. Dieses Mal zieht es uns auf die Reeperbahn ins "Astra". Für 19.00 Uhr sind dort 90 Plätze reserviert. Neunzig. Das klingt nach viel.
Warum ich trotzdem mit meinen drei MitstreiterInnen zu spät ankomme, bleibt ein kleines Mysterium. Obwohl. Die Anfahrt hat länger gedauert als erwartet und die leuchtenden Herzchen in den Bäumen schrien nach Fotolove.
War das „Einstein“ im letzten Jahr bereits sehr gut gefüllt, ist das „Astra“ in diesem Jahr die nächste Evolutionsstufe von krass voll. Wir sichern uns tatsächlich die letzten freien Plätze – mitten an einem beeindruckend langen Tisch. Der Weg dorthin allerdings verlangt Fähigkeiten, die eher in Richtung Houdini gehen: seitliches Einsaugen des Bauchs, elegante Drehungen zwischen Stuhllehnen, entschuldigendes Lächeln im Sekundentakt.
Brauerei-Kneipen-Charme. Freitagabend. Eng. Und laut. Sehr laut. Nichts für Menschen mit Hörgerät – und selbst mit völlig intaktem Gehör muss ich mich stark konzentrieren, um einem der parallel laufenden Tischgespräche folgen zu können.
Links diskutiere ich mit meinem deutschen Tischnachbarn über Pilgerwege im Osten Deutschlands. Rechts erzählt mir meine norwegische Nachbarin, auf deutsch, von ihrem Aufgabengebiet. Schräg gegenüber erklärt mir ein Deutsch-Norweger die Feinheiten organisierter Gruppenangebote in einem geografisch mir unbekannten Teil Norwegens.
Gesprächsstoff gibt es reichlich – und der kommt nicht erst nach ein, zwei, drei Bierchen, sondern von der grundsätzlich lockeren Atmosphäre und dieser spürbaren Vorfreude auf den morgigen Tag, von dem Brennen für ihr Thema. Pilger und Pilgerbegleitungen können offensichtlich nicht nur schweigend gehen, sondern auch sehr lebhaft reden.
Das Wort zum Samstag: Das volle Camino-Aroma

Drei, zwei, eins. Bereit.
So bereit präsentiert sich mein Stand am frühen Samstagmorgen, während sich draußen im sanften Nieselregen bereits die ersten Gruppen an den Startpunkten zum Sternpilgern versammeln. Ungemütlich. Hamburg eben. Aber wenigstens ist es wärmer geworden über Nacht.
Natürlich habe ich wieder einige Exemplare von „Komm mit mir nach Santiago“ dabei, um vom Camino Francés zu erzählen und ein bisschen Fernweh zu säen. Rund 1.000 Kilometer quer durch die Republik habe ich die Bücher transportiert – gemeinsam mit über 100 bemalten Pilgersteinen, die ich eigens für die Messe vorbereitet habe. Sie erfreuen sich inzwischen wachsender Bekanntheit, was mich sehr freut. Mein Rücken sieht das allerdings etwas differenzierter.
Manchmal frage ich mich schon, warum ich mir ausgerechnet zwei Hobbys ausgesucht habe, die man nicht falten kann. Bücher. Und Steine. Wirklich? Andere sammeln Briefmarken. Oder Vogelfedern am Hut.

Stempelspaß für alle Altersklassen
Auch in diesem Jahr ist sie wieder am Start: Die "Hamburgela". Bitte was? Klar. Das ist nur eine freundliche Wortschöpfung von mir für den eigens für die Messe kreierten Pilgerpass mit den acht freien Stempelfeldern. Links ist das Vortragsprogramm des Tages abgedruckt, rechts vier Felder für gesammelte Stempel von Ständen aus St. Katharinen, daneben vier für St. Petri. Das soll den Anreiz steigern, um beide Messeorte zu besuchen. Und wer durch Hamburg gepilgert ist und den Pass voll hat, der bekommt eben statt der namhaften Compostela die außerhalb Hamburgs komplett unbekannte "Hamburgela": in Gestalt einer freien Tasse Kaffee. Oder Tee.
Gesegnet, gestempelt, gestartet!
Bereits lange vor der offiziellen Eröffnung um 12.00 Uhr ist viel los an den Ständen! Als dann aber der Gottesdienst beendet, der Pilgersegen gesprochen, und der verbale Startschuss gegeben wurde, drängeln sich unzählige Menschen durch die Kirche und an den Ständen, Pilgerpässe in den Händen, Neugier im Blick, Fragen auf den Lippen.

Wie ein Klassentreffen – nur mit Fernweh
Wenn ich jemand eine Pilgermesse beschreiben müsste, könnte ich sagen: Es geht erstaunlich wenig darum, jeden einzelnen Stand abgearbeitet zu haben oder mit einem meterhohen Stapel Prospekte nach Hause zu gehen. Natürlich gibt es sie – die Flyer, die einem theoretisch genug Inspiration liefern, um den Rest des Lebens auf sämtlichen europäischen Haupt- und Nebenjakobswegen unterwegs zu sein. Informationsmaterial für mindestens drei Existenzen. Ja, das ist wichtig.
Aber entscheidender finde ich etwas anderes: die zwischenmenschliche Atmosphäre. Dieses kaum greifbare, aber deutlich spürbare Schwingen zwischen den Menschen.
Auf der Messe ist es tatsächlich ein bisschen wie auf dem Camino. Man begegnet Menschen mit ähnlichen Wertevorstellungen, kommt erstaunlich leicht ins Gespräch und spricht binnen Minuten vertrauensvoll über Dinge, für die man sonst Wochen bräuchte.
So wie die Caminos schließlich alle in Santiago zusammenlaufen, scheinen auch die Menschen auf ihnen miteinander verbunden zu sein. Ein Netz aus Wegen – und aus Begegnungen.
Es ist fast wie ein Klassentreffen, wo man sich nach Jahren wieder in die Arme fällt. Nur ohne alte Rollenklischees. Und mit deutlich mehr Euphorie.
Begegnungen, mit denen man nicht rechnen kann
Ab Mittag vergesse ich – wie bereits im letzten Jahr – das Messegeschehen zu fotografieren. Aus Nachlässigkeit, Überforderung, aber auch aus schlichter Unbeweglichkeit: Ich bin so umzingelt, dass ich meinen Stand stundenlang nicht verlassen mag.
Und ehrlich gesagt: Ich will es auch gar nicht.
Es ist großartig. Ich werde reich beschenkt – mit freundlichen Worten, mit ehrlicher Wertschätzung für mein Buch und meine Pilgersteine, mit kleinen Aufmerksamkeiten, mit neuen Bekanntschaften. Und mit alten Caminofreunden, die plötzlich vor mir stehen, als hätten wir uns erst gestern verabschiedet.

Die größte Überraschung überhaupt: Franziska aus Zürich. Wir haben uns im letzten Jahr auf der Via Gebennensis kennengelernt – irgendwo am Fluss, zwischen Kilometern und Lebensfragen. Dass sie in Hamburg sein würde? Ich hatte eine Ahnung. Und nun steht sie mit ihrem Emmentaler-Käse-Hut am Schweizer Stand direkt gegenüber von mir. Wenn das mal keine 42 ist.
Vier Jahre später – ein Wiedersehen in Hamburg

Und dann kommt auch noch Tobi Schlegl vorbei. Der Hamburger Jung. Mama Sieglinde selbstverständlich ebenfalls.
Im Oktober 2022 sind die Beiden – mit leichtem Herzen und schweren Beinen – am selben Tag in Santiago angekommen wie ich. Wir saßen nebeneinander in der Kathedrale, leicht enttäuscht, dass das Botafumeiro nicht geschwenkt wurde, und ahnten nicht im Geringsten, dass wir beide eines Tages ein Buch über unsere Camino-Erfahrungen veröffentlichen würden.
Manche Wege kreuzen sich eben nicht nur einmal.
Was ich aus dem Gespräch mitnehme, ist mehr als ein einziger Satz, aber dieser hallt nach: „Sandra, mach weiter mit dem Schreiben!“
Danke. Allein dafür hat sich dieser Messetag schon gelohnt.
Was habe ich auf meinem Camino gelernt?
Letztes Jahr hatte ich mir fest vorgenommen, mir in diesem Jahr mehr Zeit für andere Stände zu nehmen. Tja, das hat schon Ähnlichkeit mit Silvestervorsätzen. Außer bei meinen direkten Nachbarständen ist es mir wieder nicht gelungen. Ganz ehrlich: Eigenen Stand allein haben und Besucherin zugleich sein – das funktioniert leider nicht.
Ich hätte so gerne noch den Camino-Podcast-Stand besucht, um auf Marcus & Theresas Frage zu antworten, die diesmal lautete:
„Was hast du auf deinem Camino gelernt?“
Es sollte nicht sein, aber ich habe trotzdem darüber nachgedacht. Meine Antwort wäre gewesen: Ich habe gelernt, dass man sich nicht von Vorurteilen leiten lassen sollte (ich hatte welche den Franzosen gegenüber vor meinem ersten französischen Pilgerweg). Außerdem, dass ich zwar gerne alleine für mich gehe und die Stille unterwegs liebe, aber dass die Begegnungen mit anderen Pilgern genauso wichtig sind, um den Camino wirklich genießen zu können. Manche Dinge möchte ich gerne teilen. Allein unterwegs sein ist schön. Gemeinsam erleben auch. Ich brauche das volle Camino-Aroma!

Welches Glas würdest du wählen?
Zu Michael Kaminski, den ich aus München kenne, habe ich es noch ganz kurz vor Schluss geschafft. Dort habe ich diese schön gestaltete Idee entdeckt: Gläser als Auffangorte für Nüsse, die mögliche Antworten auf diese Frage geben:
„Was war deine Motivation auf den Jakobsweg zu gehen?“
Tendenzen ganz klar erkennbar. Meine Nuss landete unter „Anderes“.
Und du – in welches Glas würdest du deine Nuss werfen?
Abschlussworte: Ein Blick nach vorn

Ähnliche Begeisterung wie im Vorjahr: Eine großartige Veranstaltung! Tolle Organisation!
Allerdings wird dieser Text der gesamten Messe in keinster Weise gerecht. Ich habe nur einen ganz kleinen Ausschnitt dessen gesehen und sehr subjektiv beschrieben, was dort insgesamt, bzw. mir persönlich geboten wurde. Es gab noch so viel mehr zu entdecken – zu sehen, zu erleben, zu hören. Mal ganz abgesehen von dem Pilgersymposium, das mit hochkarätigen Vorträgen bereits am Freitag stattfand, sehr gut besucht war und hier bislang gar keine Erwähnung fand. Aber darüber zu schreiben überlasse ich lieber jemand, der auch dort live dabei war.
Nach den Standnummern 24 und 42 stellt sich für mich natürlich die Frage: Welche Nummer werde ich wohl nächstes Jahr bekommen?
Oder vielleicht brauche ich auch gar keine, komme stattdessen einfach als Besucherin, schlendere durch die Gänge, fotografiere und filme ungebremst und genieße den Jubel und Trubel zur Abwechslung mal vor den Ständen, einen dicken Stapel Prospekte im Rucksack und neue Ideen unterm Pilgerhut. An dieser Stelle geht mein Dank an Erik Hilse, der mir freundlicherweise für diesen Beitrag sein Foto (mit vielen Messebesuchern) zur Verfügung gestellt hat.
Es wird sich sicher alles finden. Aber ähnlich wie im Vorjahr weiß ich bereits: Ich freue ich mich schon jetzt auf meinen nächsten Besuch! Danke Hamburg!
Save the date: Die Hamburger Pilgermesse findet im nächsten Jahr am 20.02.2027 statt.

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