

Bayerisch Schwäbischer Jakobsweg
Etappe 15 Weitnau - Wiggensbach 20,8 km
Pilgern unter einem Hut - Unterwegs mit Sandra
Montag, 01. November 2021
Pilgern im Herbst oder ein Königreich für ein trockenes Geleit
Nach einer Unterbrechung von fast vier Monaten geht das Pilgererleben auf dem Bayerisch-Schwäbischen Jakobsweg weiter. Diesmal werde ich begleitet. Mein Mann und ich nutzen die Gelegenheit am heiligen Feiertag, um 6 Uhr aufzustehen. Um 7 Uhr sitzen wir, pilgergestiefelt und gespornt, zusätzlich ausgestattet mit feinen Augenringen, im Auto Richtung Allgäu, wo wir den Weg fortsetzen wollen.
Die Stimmung draußen ist besonders. Zwischen niedrig ziehenden Wolken fällt immer wieder ein Strahl aufgehende Novembersonne auf die Felder und taucht die Landschaft ringsum in ein mystisch goldenes Herbstlicht. Währenddessen fegt der Wind die bunten Blätter der Bäume, die die Landstraße säumen, zu Hunderten von den Ästen. In großen Wirbeln tanzen sie vor uns durch die Luft, um schließlich auf der Straße zu landen.
Je näher wir unserem Startort Weitnau im Oberallgäu kommen, desto tiefgrauer wird auch die Wolkenbank, der wir entgegenfahren. Kurz vor der finalen Parkposition fängt die Windschutzscheibe die ersten Tropfen auf.
Als ich dann die Autotür öffne, schlägt mir kühle, feuchte Regenluft entgegen. Es sind etwa 6 Grad. Annähernd die angekündigte Tageshöchsttemperatur. Mist.
Im Kofferraum krame ich aus dem Rucksack meine neue Regenjacke, die Rucksackschutzhülle und meine Goretex-Handschuhe hervor. Auf die „Performance“ dieser Regenjacke bin ich echt gespannt ,wir erinnern uns, in Etappe 12 war ich noch fluchend mit wehendem Poncho unterwegs und den Rindviechern ein Dorn im Auge. Allerdings wär es mir auch Recht gewesen auf ihren ersten Einsatz noch länger warten zu müssen. Aber – es ist wie es ist. Im schlechtesten Fall heute zumindest ein guter Materialtest.
Ich kontrolliere nochmal, ob wir auch alle Pilgersteine griffbereit eingepackt haben, die ich heute ablegen möchte. Wir packen die Regenhüllen auf die Rucksäcke und diese auf unseren Rücken.

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Und führe mich nicht in Versuchung
Zur Orientierung gehe ich zum nahegelegenen Bushaltestellenhäuschen. Hier ist es trocken. Es gibt einen Stadtplan, einen angeschlagenen Jakobsmuschelwegweiser und eine Mitfahrgelegenheit nach Missen laut Schild. Ich habe zwar keine Ahnung, wo das liegt, aber halte einfach mal den Daumen raus, kann ja nix passieren.
Autos um diese Zeit an diesem Ort in diesem Hundewetter sind Mangelware. Der Gedanke, jetzt per Anhalter einen Teil der Strecke zu fahren hat tatsächlich etwas Verlockendes. Obwohl ich, selbst wenn jetzt aus dem Nebel wie von Geisterhand eine schwarze Stretchlimousine auftauchen würde, natürlich nicht einsteigen würde. Ich würde widerstehen. Konfuzius würde mir auf die Schulter klopfen und ich meinen Weg entschlossen weitergehen.
Naja, höchstwahrscheinlich würde ich nicht einsteigen.
Startpunkt gesucht
Wir ziehen erstmal zur Kirche St. Pelagius. Neben der Kirche sitzt eine nicht mehr ganz taufrische Frau. Mir ist nicht ganz klar, warum sie da sitzt, aber das mag auf Gegenseitigkeit beruhen, denn sie sieht uns verpackte Wanderer mit Erstaunen an und fragt uns, wo wir denn heute hinwollen. "Nach Wiggensbach“ rufen wir. Zweifelnd mustert sie uns. Wahrscheinlich hält sie das für keine gute Idee. Womit sie objektiv betrachtet auch Recht hat, denn wir befinden uns auf gut 800 Meter und der klassische Jakobsweg nach Wiggensbach würde uns bis auf 1100 Meter über den Sonneneckgrat nach Rechtis und weiter über Buchenberg führen. Bei der nassen Ausgangslage, wäre das sicher nicht ungefährlich.
Sie empfiehlt uns mit einer ordentlich genuschelten Prise Dialekt etwas unverständliches und deutet mit dem Arm in eine Richtung. Wir trotten los.
„Was hat sie gemeint?“, mein Mann schaut mich fragend an.
„Es gibt eine Alternativroute, die etwas flacher ist und nicht über die Höhe führt. Das ist auch der Weg für die Radpilger. Er folgt einer alten Bahntrasse. Früher fuhr hier das Isnybähnle lang und hat die Ortschaften verbunden. Lass uns mal schauen, ob wir den Weg finden.“
„Das hast du alles verstanden?“
„Nee, aber das hab ich vorher gelesen.“
Unterwegs im Regen
Es schüttet zwar nicht wie aus Kübeln, aber es regnet stetig.
Den Radweg haben wir heute für uns ganz alleine und können entspannt nebeneinander gehen. Das hat ja auch so seine Vorteile. Klingeln würden wir durch die Kapuzen wahrscheinlich sowieso erst zu spät hören, um noch rechtzeitig auf Seite zu springen.
So ziehen wir zusammen durch die menschenleere Gegend. Falsch. Tatsächlich sind ein paar Menschen gezwungen worden vor die Türe zu gehen. Es sind ausnahmslos Hundebesitzer. Oder man hat die Hunde gezwungen rauszugehen. Man kann weder an Mensch noch Tier ablesen, wer der Antreiber war, um das gemütliche warme Haus zu verlassen. Auf jeden Fall kann man die Begegnungen an einer Hand abzählen.
Ich muss mich erstmal an den Schnitt meiner Kapuze gewöhnen. Sie schränkt mein Gesichtsfeld ziemlich ein. Was aber auch nicht weiter schlimm ist, denn die Landschaft links und rechts von uns ist quasi nicht vorhanden. Non existent. Im Nebel versunken. Allerdings ist es nicht so leicht sich zu unterhalten, wenn man den Kopf leicht gesenkt hält, die Augen geradeaus richtet und der andere nicht im Blickfeld ist.



Viele herbstliche Laubbäume säumen unsere alte Bahntrasse. Trotz des miesen Wetters versuchen wir unterwegs noch ein paar Aufnahmen zu machen, die mehr als nur unterschiedliche Grautöne enthalten. Ansonsten finden wir einen ordentlichen Laufrhythmus und ich bin dankbar für die gute Wetterschutzkleidung, die es heutzutage gibt.
... and I say: What about breakfast at Tiffany's?
Nach etwa einer Stunde höre ich ein Geräusch aus meiner Körpermitte. Mein Magen grummelt. Kurz darauf finden wir tatsächlich eine Art Blockhütte, wo wir im Trockenen essen können. Es handelt sich um eins von insgesamt 11 Wartehäuschen an den ehemaligen Bahnhaltestellen der alten Trasse, die allerdings erst 2020 unter dem Motto „Zeitreise auf alten Spuren“ aufgebaut wurden. Wie praktisch. Für welche Wartenden auch immer sie aufgestellt wurden, ich begrüße diese Idee sehr.
Normalerweise liebe ich ja ausgiebige Pausen,
aber schon nach 10 Minuten Frühstücksrast stelle ich trotz Wetterschutzhaltestelle fest, dass ich zu schnell auskühle, um länger zu sitzen. Wir ziehen schnell weiter. Gedanklich sehe ich die Felle für eine ausgedehnte Mittagspause bereits davonschwimmen....


An der Rhein-Donau Wasserscheide
Wir laufen an dem Ort Hellengerst vorbei und unterqueren kurz dahinter die B 12. Nördlich der Bundesstraße führt der Allgäuradweg nach wenigen Hundert Metern in einen Wald hinein und wir stoßen auf einen Rastplatz mit Hinweistafeln.
Wir sind an der europäischen Wasserscheide Rhein–Donau auf 937,90 Meter über Normalnull. Das heißt, das Regenwasser fließt auf der Westseite dieser Anhöhe auf ober- und unterirdischen Zuflüssen in den Rhein, auf der Ostseite in die Donau.
Die Tafel erhält meinen ersten Pilgerstein.

Auf der zweiten Tafel erfahren wir mehr über das Isnybähnle, das von 1906 bis 1984 auf der 37,5 km langen Strecke zwischen Kempten und Isny verkehrte. Die Stelle an der wir stehen ist der höchste Punkt des damals befahrenen Stückes gewesen und seinerzeit auch der höchste Punkt im deutschen Normalspurnetz. Die durchschnittliche Steigung beträgt 25 Promille oder 0,025 Prozent. Tatsächlich ist die Steigung so gering, dass ich sie seit Weitnau, welches ja auf 800 m liegt, kaum bemerkt habe. Seit 1990 ist der Abschnitt zum Allgäu-Radwanderweg zurückgebaut worden.
Nach ungefähr drei Stunden sind meine Handschuhe total durch. Unterhalb der Regenjacke fühlt sich noch alles trocken an, bis auf den Ärmelabschluss. Dass Willensstärke und Durchhaltevermögen für den heutigen Tag vonnöten sein würde, war mir schon heute Morgen beim Aussteigen klar. Wieviel davon man tatsächlich braucht, stellt sich dann immer erst unterwegs heraus.
Da schwammen sie....meine Felle..... mit der Mittagspause...
Gegen halb zwei ist es Zeit für die große Mittagsrast. Nur das Picknickfeeling will sich nicht so recht einstellen. Wir finden ein trockenes Plätzchen an einer Bushaltestelle gegenüber dem Schützenverein Schwarzerd e.V. Kommt das von Schwarzer Erde? Steht das im Zusammenhang mit dem Hochmoor und dem Torf der hier früher in einem Torfwerk gestochen wurde? Ist mir gerade ziemlich egal. Es fühlt sich an, als wäre es noch kälter geworden. Oder vielleicht sind wir einfach nur noch nasser. Wir essen schnell unsere Brotzeit und keine Viertelstunde später gehen wir weiter und kommen bald darauf in Buchenberg an. Dort treffen die Berg- und die Bahntrassenvariante wieder aufeinander und es gibt nur noch einen Pilgerweg, der uns nun Richtung Ermengerst führt. Was hatte ich dazu noch gleich gelesen? Buchenberg wird auch als Sonnenterrasse des Allgäus bezeichnet. Ich heule innerlich auf.
Ich hätte echt Lust auf einen heißen Tee in einem warmen Gasthaus. Am Ortseingang von Ermengerst sehen wir einen einladend wirkenden Italiener linker Hand, der heute, am Montag, an Allerheiligen, zur Mittagszeit - natürlich – zu hat. Ich heule nochmal innerlich auf.
Fast am Ortsende liegt die Ermengerster Kirche. Hier verbinden sich der Münchner Jakobsweg und der Bayerisch-Schwäbische Camino Richtung Lindau. Es gibt sowohl Pilgertempel als auch Pilgerbuch, ich schreibe hinein und hinterlasse zur Feier des Tages einen weiteren Pilgerstein. Als ich ca. 15 Minuten später wieder herauskomme, ist meine bessere Hälfte fast festgefroren. Der Regen ist noch stärker geworden. Wenn man einen Moment still steht klingt er fast wie Applaus auf den Schultern. Auf ein Foto der Kirche verzichten wir aus Nässegesichtspunkten.
Der letzte Anstieg hinauf nach Wiggensbach ist für mich mental und physisch der härteste Teil des Tages. Es geht direkt an der Hauptstraße entlang. Zum Ende der Etappe werden wir nochmal mit einer Portion Extraregen und Wind konfrontiert, haben Atemwölkchen vor dem Mund.
Mir fehlt wirklich jegliche Freude, als ich mich den Hang nach Wiggensbach hochquäle und merke, wie ein kaltes Wasserrinnsal erstmalig mein Steißbein erreicht und anschließen in Zeitlupe meine Poritze herunterläuft. Unangenehm. Äußerst unangenehm.

Ziel erreicht
Kurz nach 15 Uhr, viel früher als geplant, laufen wir in Wiggensbach, im Amselweg, ein. Wie zwei Karavellen nach einer verlorenen Seeschlacht, die in den nächsten Hafen zurückkehren. Zumindest meine Karavelle ist stark überholungsbedürftig. Wir hatten uns zuvor telefonisch bei unseren Herbergsehepaar angemeldet und werden dort bereits erwartet. Hilfsbereit hilft man uns aus den nassen Kleidern und nimmt uns Schuhe und Regenjacken zum Trocknen ab.
Die Heizung wird sofort hochgedreht und Marianne, die Dame des Hauses läuft los und kocht uns erstmal eine Kanne Tee. Ich spüre meine Oberschenkel nicht mehr. Meine Hände sind aufgeweicht, als hätte ich den ganzen Tag im Schwimmbad verbracht. Meinen rechten Fuß werde ich mir später ansehen.

Kurz darauf kehrt sie zurück mit dem heißen Tee und einem Stück Käsekuchen. Wir fühlen uns sofort wohl und sind so dankbar für diese gute Seele. Während ich den Käsekuchen esse, kann ich kaum fassen, dass wir das durchgezogen haben. Sechs Stunden ohne Unterlass durch den Regen zu laufen.
Die Regenjacke hat den Test also mal auf jeden Fall bestanden, denn alles darunter ist noch trocken, die Fleecejacke nur an einem Ärmel etwas nass. Auf meine Rucksackhülle trifft das leider nicht zu. Der Rucksack ist am Bodenfach, aber auch an anderen Stellen durchgeweicht. Der Inhalt, der nicht in wasserdichten Packsäcken verpackt war, und das war zum Glück nur meine morgens leichtfertig reingestopfte Isolationsjacke, ist nämlich nass geworden. Das ist eine neue Erfahrung für mich, denn unter dem Poncho blieb bislang der Rucksack tatsächlich trocken.
Durch solch extreme Wetterbedingungen lernt man eine Menge, nicht zuletzt über sein Material.
Ein verdientes Abendessen
Uns ist so kalt, dass wir uns erstmal unter die Bettdecke legen, um uns aufzuwärmen. Mit der Wärme kehren dann die Lebensgeister allmählich zurück und wir rappeln uns wieder auf um Essen zu gehen. Ein Blick aus dem Fenster verrät uns, dass es aufgehört hat zu regnen. Bei unseren Gastgebern leihen wir uns trotzdem zwei Schirme aus und gehen diesmal trockenen Fußes zurück in die Ortsmitte.
Auch im Dunkeln lässt sich erahnen, dass der Wiggensbacher Ortskern sehr hübsch ist. Ich beschließe jedoch, dass ich mir die Kirche St. Pankratius und auch den Ratsch-Kathl Marktbrunnen lieber morgen früh im Hellen ansehen möchte.
Das Essen ist sehr gut, reichlich und mundet hervorragend, der Landgasthof ist jedoch fast leer. Die Touristensaison ist definitiv vorbei.
Als wir danach wieder vor die Tür treten, ist es trocken geblieben. Wir gehen zurück und lassen den Tag langsam ausklingen.Für acht Uhr wird uns Frau Seelos das Frühstück richten.



Infos zu Etappe 15

Meine pilgergfreundliche Übernachtung:
Familie Seelos
Amselweg 17
87487 Wiggensbach
Die gpx tracks für den Bayerisch/Schwäbischen, allerdings über den Höhenweg, den wir nicht gelaufen sind, findet ihr hier:
https://www.pilgern-schwaben.de/bad-groenenbach-lindau-nonnenhorn/

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