
Pilgern unter einem Hut - Unterwegs mit Sandra
Bayerisch Schwäbischer Jakobsweg
Etappe 0: Anreisetag Oettingen 05.07.2020
Bayerisch Schwäbischer Jakobsweg
Etappe 0: Anreisetag Oettingen 05.07.2020

In Oettingen ging es Anfang Juli 2020 los mit der ersten Pilgererfahrung. Zunächst bis nach Augsburg. 6 Etappen, knapp 120 Kilometer, 1500 Höhenmeter rauf und wieder runter. Das ist eigentlich wenig Steigung gesehen auf eine ganze Woche. Für andere vielleicht.
Im Gepäck Masken und Desinfektion. Im Magen kribbelnde Vorfreude.
Die Sonne scheint, leichter Wind, ca. 22 Grad. Ein Traumtag.
Mein Mann fährt mich mit dem Auto nach Oettingen und setzt mich gegen Mittag mit Stock und Hut im Stadtzentrum ab. Um mich frisch auf den Camino einzustimmen und mit ein wenig Alltagsabstand in den Tag zu starten, habe ich mir eine erste Übernachtung in Oettingen eingeplant, von wo ich dann Montagmorgens aufbrechen will. Er macht noch schnell ein Pilgerin-vor-Tor Foto von mir, dann verabschieden wir uns mit dem Versprechen, dass er mich 6 Tage später in Augsburg wieder einsammeln würde.
Ich habe ein leichtes Prickeln in der Magengrube. Nun geht es also endlich los. Ich bin gespannt wie gut P&P - Pilgern und Pandemie - zusammenpassen.

Zwischen Fachwerk und Vorfreude – der Tag vor dem ersten Schritt als Pilgerin
Oettingen. Juli 2020.Die Sonne scheint, leichter Wind, ca. 22 Grad. Ein Traumtag.
Also ein Auftakt nach Maß. Gegen Mittag setzt mich der Ehemann-Shuttle-Service, mit einer Mischung aus Abenteuerlust und latentem Respekt im Blut, im Stadtzentrum von Oettingen ab. Um mich auf den Camino einzustimmen und dem Alltag noch eine letzte, höfliche Verabschiedung zu ermöglichen, gönne ich mir eine erste Übernachtung am Startort. Montagmorgen soll es für mich endlich losgehen auf den ersten Abschnitt des Bayerisch-Schwäbischen.
Mein Mann macht noch schnell ein Beweisfoto von mir, bevor wir uns verabschieden: Er sammelt mich in sechs Tagen in Augsburg wieder ein.
Ein leichtes Prickeln macht sich in meiner Magengrube breit. Vorfreude, Aufregung – und die leise Frage, ob „P&P“ wirklich funktioniert: Pilgern und Pandemie. Masken und Desinfektionsmittel habe ich jedenfalls dabei. Mein erster Camino kann kommen.
Zeit zum Einstimmen
Meine Pension lässt mich erst um 17 Uhr hinein. Also habe ich noch etwas Zeit mich in Oettingen umzusehen.
Ich streune durch Straßen und Gassen, gesäumt von hübschem Fachwerk, als hätte jemand beschlossen, dass es hier einfach grundsätzlich nett auszusehen hat. Ich entdecke sogar ein bewohntes Storchennest auf einem Schornstein. Wenigstens die Störche haben ihren Job nicht gecancelt und bringen weiter wie gewohnt die Babies. Am Brunnen finde ich eine Bank, setze mich und lasse mir den warmen Wind um die Nase wehen.
Ein Blick ins Pilgerbüchlein verrät mir, dass Oettingen einst Fürstenresidenz im Donau-Ries war und bis heute für seine Bierbraukunst bekannt ist. Ich nehme diese Information wohlwollend zur Kenntnis und beschließe, sie als kulturell wertvoll einzuordnen.
Bevor ich endgültig ins meditative Herumsitzen abgleite, mache ich mich noch auf die Suche nach dem morgigen Startpunkt.


Mein erster Stempel - zum Einkleben
Gemütlich spaziere ich die Schlossstraße entlang zur evangelischen St. Jakobskirche Oettingen – offizieller Ausgangspunkt des Bayerisch-Schwäbischen Jakobswegs.
Vor der Kirche empfängt mich eine bronzene Pilgerfigur, ausgestattet mit Stab und dieser gewissen Ernsthaftigkeit. Definitiv ein Pilger, der mit deutlich weniger Gepäck unterwegs war als ich. Ich nehme das mal nicht persönlich.
Direkt hinter ihm an der Kirchenwand prangt eine übersichtliche Informationstafel zum Jakobsweg.
Die Kirche ist geöffnet. Drinnen ist es ruhig und kühl. Auf einem Tisch entdecke ich eine Rolle mit Aufklebern – Pilgermuscheln im Oettinger Design. Ich bleibe stehen und betrachte das Ganze mit einer gewissen Ratlosigkeit.
Ist das jetzt der erste „Stempel“ für meinen Pilgerpass? Zum Selberkleben? Die kontaktlose pandemiekonforme Variante des Pilgerns?
Ich halte meinen noch jungfräulichen Pilgerpass in der Hand und bin mir ziemlich sicher, dass auch er sich seinen ersten Eintrag anders vorgestellt hatte. Eher in blauer Stempelfarbe. Stattdessen: Klebefolie.
Nun gut. Es ist wie es ist.
Nee. Doch nicht. Ich will einfach keinen Muschelsticker.
Ich beschließe, das Oettinger Hygienekonzept dezent zu unterlaufen und morgen früh in der Touristeninformation nachzufragen. Irgendwo muss es ihn doch noch geben – einen echten Stempel samt Farbe.
Nach einem üppigen Mahl in einem Oettinger Gasthaus, wo ich der einzige Gast bin, was dem Ganzen eine gewisse Exklusivität verleiht, ziehe ich mich in meine Unterkunft zurück. Ich wohne im Gasthof "Goldene Gans". Laut meinem gelben Pilgerführer die einzige Übernachtungsmöglichkeit vor Ort.
Fassadentechnisch fällt die Goldene Gans durchaus auf. Leider nicht im besten Sinne. Von außen wirkt sie, als hätte sie sich innerlich bereits von ihrem Dasein verabschiedet und warte nur noch auf die offizielle Bestätigung zum Abriss. Innen… nun ja, sagen wir: konsequent.
Für einen stattlichen Preis erhalte ich eine durchgelegene Matratze, kein Wlan und eine Fernsehauswahl, die sich auf das Wesentliche beschränkt – 70er Jahre Standard.
Es fehlt eigentlich nur noch ein handgeschriebener Zettel an der Tür: „Kontemplation statt Fernsehen. So sieht’s aus! Gewöhn dich schon mal dran.“
Ich nehme die Botschaft zur Kenntnis: Du bekommst nicht das, was du willst, sondern das, was du brauchst.
Der Jakobsweg hat offenbar schon begonnen.

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