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Pilgern unter einem Hut - Unterwegs mit Sandra

Bayerisch Schwäbischer Jakobsweg 

 

Etappe 8:  Von Göggingen  nach Reinhartshofen  - 17,6 km

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Sonntag, 27.06.2021

Nach fast exakt einem Jahr Pause ist es nun wieder soweit. Ich nehme es erneut auf mit dem Bayerisch – Schwäbischen Pilgerweg. Und zwar genau dort, wo ich ungefähr vier Wochen zuvor die Kurzetappe 7 beendet hatte, in Göggingen bei Augsburg.

Gute 120 Kilometer, sechs Tage und Nächte, liegen zwischen mir und meinem diesmalig angepeilten Zielort, dem hübschen Städtchen Altusried im Unterallgäu

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Yippieh! - On the road again

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich vorher (wie auch von so vielen anderen kleineren Orten auf meinem Weg ) noch nie etwas von deren Existenz gehört hatte. Fünf meiner sechs Etappen führen mich durch den Landkreis Unterallgäu, der mir Ende April bis Mitte Mai mit seinem in Deutschland  zweithöchsten Inzidenzwert echte Planungssorgen bereitet hatte. Alle anderen Kreise in Bayern waren schon lange stabil unter 100 und damit einhergehend  die touristischen Übernachtungen wieder erlaubt und die Gastronomie geöffnet. Nur halt nicht mein Unterallgäu! Dort hat das Gaststättengewerbe nun erst wieder seit zwei Wochen geöffnet. Eigentlich hätte ich viel früher losgewollt. Hätte, hätte Fahrradkette….

Ein steiniges Wiedersehen

Ich stehe an der Wertach, die in Augsburg in den Lech mündet, genau vor der Tafel auf der ich  vor nicht allzu langer Zeit liebevoll meine vier ersten Pilgersteine drapiert hatte in der damaligen Hoffnung, dass sie sich von hier auf eine weite Pilgerreise begeben würden.

Nun gut, die Steine sind weg. Haben sich hoffentlich in gute Hände begeben, denke ich noch, bevor mein Blick auf  etwas lilafarbenes im feuchten Gras unter dem Schild fällt. Oh nein, was lag denn da?

Fast wie ein vom Osterhase achtlos verstecktes Osterei lugt mich zwischen hohen Halmen einer meiner bemalten Steine an. Ich nehme ihn an mich, wie ein verloren geglaubtes Küken und setze ihn behutsam auf meine Handfläche.  Das war wohl ein Fail. 

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Bei genauerer Betrachtung des Steines ist unschwer zu erkennen, dass genau das eingetreten ist, was ich schon befürchtet hatte.

Die Wetterfestigkeit des QR Codes lässt zu wünschen übrig. Die Feuchtigkeit ist bereits unter die selbstklebende Klarsichtfolie gekrochen und hat den so geschützten, ausgedruckten QR Code unleserlich gemacht. Tja, da muss noch am System  gefeilt werden, aber so kann ich wenigstens erkennen, wie der Stein schon nach wenigen Wochen gelitten hat und meine Schlüsse für die Präparation meiner übernächsten Pilgersteingeneration ziehen.

Denn die nächste Generation 2.0 ist schon einsatzbereit. In der kleinen Hüftgurttasche meines Rucksackes trage ich tatsächlich sechs neu ausgestattete Steine bei mir. Diese besitzen einen diesmal laminierten QR Code auf der Unterseite und sind zusätzlich nochmals mit Klarlack behandelt worden. Ich habe mir vorgenommen jeden Tag an einen prädestinierten Ort einen Stein abzulegen für nachfolgende Pilger oder Wanderer, die sie hoffentlich finden, mitnehmen und mir davon berichten.

Vermeidungs- und Optimierungsstrategien

Und während ich noch über meine Steineaktionen sinniere, entschließe ich mich loszugehen. In Göggingen trennt sich der Jakobsweg in Ost- und Westroute, um sich in Bad Grönenbach wieder zu treffen. Die Richtung ist für mich klar, ich möchte den Ostweg nehmen, die nächste Stadt, die der Weg am Rande touchiert, heißt Bobingen.

Es ist 9 Uhr morgens, die Luft ist angenehm, der Himmel blau, die Sonne scheint schon, die Vögel zwitschern wie wild. Es verspricht ein warmer Sommertag zu werden mit Temperaturen in den Ende Zwanzigern.  Ich trage T-Shirt und Wanderhose und mir ist nicht kalt. Ein neues Funktionsshirt wohlgemerkt. Ich habe beim Aussuchen darauf geachtet, dass die Ärmellänge zwar kurz, aber länger geschnitten  ist als bei den drei  „Flügelärmchen-Shirts“, die ich abwechselnd auf der letztjährigen Expedition getragen hatte. Die zu kurzen Ärmel hatten zu Reibungsverlusten  an einer Rucksackschnalle  in Form  eines fünfcentgroßen  Hautstückes geführt. Dieses Szenario will ich dieses Mal unbedingt vermeiden und habe mir zwei Strategien dafür zurechtgelegt.

Strategie 1:

Don’t show up at the fight – sprich: Versteck die empfindliche Stelle besser unter einem Stückchen Stoff.

 

Oder, falls nicht möglich, Strategie 2:

It‘ s better smooth like a baby bum – soll heißen,  ich habe eine Tube Vaseline dabei, die jederzeit einsatzbereit ist, um  an der gefährdeten Stelle vorbeugend verarbeitet zu werden. 

Den Schmiertipp  habe ich natürlich nachgelesen im Netz und das ist die beste Empfehlung, die ich dazu finden konnte. Vaseline soll angeblich helfen das Scheuern zu verhindern.  Ich hatte kurz überlegt, ob ich den Arm schon heute vorbeugend damit einreiben sollte, dachte dann aber, dass ich das teure Stöffchen nicht direkt mit großflächigen Fettflecken versauen wollte.

Ansonsten stehe ich sehr ähnlich bepackt wie vor einem Jahr in den Startlöchern. Ich habe mein Erste Hilfepaket noch ein bisschen aufgepolstert und statt der Magnesiumtabletten diesmal Magnesium Direkt Tütchen eingepackt. Und einen Badeanzug sowie ein zusätzliches Top habe ich dabei. Dafür habe ich das Handtuch, welches ich letztes Mal gar nicht brauchte, zuhause gelassen.  Ach ja, und der Impfpass muss diesmal mit. Für alle Fälle.  Ansonsten war ich im letzten Jahr sehr zufrieden mit meiner Ausrüstung und denke, das müsste auch dieses Mal passen.

Wen interessiert, was ich genau dabei hatte und was ich dazu zu sagen habe guckt bitte hier.

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Auch die Gedanken gehen wieder alleine wandern

Es geht heute fast die Hälfte der Strecke an der Wertach entlang. Keine Höhenmeter. Sozusagen eine Wiedereinsteigeretappe. Wie gemacht für mich. Obwohl ich mich nach dem MoselCamino- Intermezzzo, wo ich mit meinem Mann gemeinsame Sache gemacht habe, erstmal wieder an das Alleinlaufen gewöhnen muss. Ist schon ein Unterschied, wenn jemand dabei ist, der dich durch Gespräche und Aufmunterung von der Anstrengung und der Eintönigkeit des Laufens ablenkt. Die Herausforderung alleine zu laufen ist sowohl physisch, psychisch und geistig die Größere.

Und warum mache ich das nun wieder alleine? Weil ich es mir in den Kopf gesetzt habe.  Ich hatte schon früher immer einen Hang  zum Individualreisetum.  Als Neunzehnjährige allein nur mit Backpack und dem Interrailticket in der Tasche vier Wochen lang quer durch Europa. Da gab es noch keine Handys oder Internet. Die Adjektive zu solchen Vorhaben aus den Mündern meiner Familie und Freunde reichten von mutig und großartig über abenteuerlustig bis  zu leichtsinnig , bekloppt und gehirnamputiert.  Meine Gedanken verweilen  kurz in einer länger zurückliegenden Vergangenheit und ich lächele innerlich.

Die  Route beginnt schön, der zwischen aufgeschütteten Kiesbänken renaturierte Fluss fließt sanft dahin, beidseitig von Bäumen gesäumt. Ich merke allerdings schon nach der ersten halben Stunde, dass ich mich erstmal wieder an das Gewicht des Rucksackes gewöhnen muss. Und natürlich sitzt der auch nicht  so, wie er sollte. Irgendwas ist da suboptimal gepackt. Ich ziehe und schiebe hier und da an ein paar Riemen und Verschlüssen,  versuche die Schultern durch Verlagern des Rucksackes zu entlasten,  aber so richtig zufrieden macht  mich das Ergebnis nicht.  

Von Ameisen, Stöckchen, Kisten und einer Muschel

 

Auf dem ersten Abschnitt begegnen mir eine Menge Joggerinnen und Nordic Walker, die ihre sonntägliche Fitness vor den warmen Stunden absolvieren wollen. Sie grüßen freundlich und gutgelaunt, während ich im Gleichschritt gehe und langsam in meine Gedanken zurückversinke.

In meinem Kopf geht es wieder zu wie in einem Ameisenhaufen, wo es nur so wimmelt  von Ameisen, Hölzchen und Stöckchen. Aus dem Nichts ploppt die  Frage auf, wann ich eigentlich das erste Mal den Wunsch verspürte, den Camino zu gehen. Und damit sind wieder die 800 km durch Spanien auf dem "Frances" gemeint. Es ärgert mich, dass ich nicht sofort die Antwort dazu parat habe. Als ich ein wenig tiefer in dem Haufen herumstochere, fällt es mir tatsächlich wieder ein. Eine fast schon verstaubte Kiste mit einer unleserlich gewordenen Etikettierung finde ich dazu in einer der unteren Schubladen meines Ameisengedächtnisses.

Ich öffne den Deckel und krame  einen frühlingswarmen  Sonntag vor Jahren in Köln hervor. In der Innenstadt,  im Studio Dumont, habe ich eine Live Reportage „Abenteuer Jakobsweg, 800 km zu Fuß auf dem Jakobsweg“  besucht. Den Namen des Vortragenden habe ich natürlich nicht mehr präsent, aber er schafft es mit seinen Bildern, dass mich das Unterfangen Jakobsweg ab da fasziniert  und es  mich direkt in den Füßen juckt. Ich versuche das Jahr gedanklich einzukreisen, aber es gelingt mir nicht wirklich. Ich weiß nur noch, dass ich alleine die auf eine Großleinwand projizierten Fotos angeschaut habe, was wohl bedeutet, dass mein Mann die Kinder gehütet hat, damit ich mir den Vortrag ansehen konnte, sonst wäre er sicher mitgekommen. Es muss ungefähr 8 – 9 Jahre her sein, schätze ich.

Im Angesicht von zwei kleinen Kindern, Arbeit , Haus  und den täglichen Herausforderungen verblasste die Idee aufzubrechen schnell wieder und rückte in den Hintergrund. 

Das nächste Mal wurde sie für mich präsent, als mein Chef eines Tages im Büro offenbarte sich in Kürze auf den Weg gen Compostela zu machen.  Von da an begann er fleißig zu trainieren und die Strecke, die er sonst mit dem  Auto oder Roller ins Büro fuhr,  legte er morgens mit dem Bus zurück, um  nachmittags den ein oder anderen Schlenker einzubauen und 20 bis 25 km  zu Fuß nach Hause zu laufen. Da er im Bergischen wohnte, waren die Höhenmeter schon inclusive. Eines Tages kehrte er stolz mit der Compostelaurkunde zurück ins Büro und hängte sie sich an seine Bürowand. Mir hatte er eine Pilgermuschel mitgebracht, was mich wirklich freute. Ich sah sie als Zeichen für mich, als Wink mit dem Zaunpfahl.

Auch sie bleibt erstmal im Büro, natürlich in meinem, dort allerdings im Schrank.  Da liegt die Muschel dann jahrelang rum. Ich sehe sie jedes Mal, wenn ich den Schrank öffne, um etwas herauszuholen.  2015 macht sie einen Umzug über 500 km mit, findet jedoch nicht ihren Platz in meinem neuen Büro, sondern verschwindet bis kurz vor meinem Aufbruch letztes Jahr auf den Bayerisch Schwäbischen in einer Schublade zuhause. Ich weiß wohl, dass sie noch da ist, aber als ich sie letztes Jahr beim Zusammenstellen der Packliste nicht direkt finde, gerate ich kurz in Panik. Zum Glück lässt sie sich jedoch beim zweiten Suchdurchgang wiederfinden. Jetzt baumelt sie wie im letzten Jahr an meinem Rucksack.

 Ich bin gespannt, was mich alles erwartet in den kommenden Tagen. Welche Begegnungen ich haben werde und was mein Kopf mir so alles an Futter anbieten wird, bloß um mich mit unnützen, überflüssigen Themen zu beschäftigen.  Ich persönlich hätte ja nichts dagegen, auch“ ganz leer“ , also kopflos zu gehen, aber das ist ja nicht so einfach, wie man sich das so vorstellt.  Abschalten. Klick. Knopf aus, Kopf aus. Fokus auf innen. Ich beneide die Leute, die im Laufe ihres Lebens diese Fähigkeit erworben haben und nun einfach loslassen können. Ich hingegen muss noch dran arbeiten.

Meine Aktenzeichen XY ungelöst

Um mich unterwegs nicht nur mit den nebensächlichen Themen wie Fußschmerzen oder Magenknurren zu beschäftigen oder meine Gedanken einfach laufen zu lassen, habe ich mir vorgenommen aktiv nach ein paar Antworten auf bewusst ausgesuchte Fragen zu fahnden. So Richtung Aktenzeichen XY ungelöst. Hilfe von außen, in welcher Form oder durch wen auch immer, durchaus erwünscht.  Dabei gehen die Fragen gleich so richtig in die Vollen…..  Ähnlich den W-Fragen, auf die man sich vorbereiten sollte, wenn man den Notruf wählt, nur irgendwie doch anders und einen Hauch spiritueller.

Als da wären:

Wer bin ich eigentlich?

Warum bin ich hier?

Was will ich mit meinem Leben noch machen?

Wie bringe ich mein Licht zum Leuchten?

Wo  finde ich meine innere Balance?

Und  die P.S.: Fragen zum Abschluss der Woche:  

Hast du gefunden, wonach du gesucht hast? Hat dir der Weg Antworten gezeigt?

Um es gleich vorweg zu nehmen. Ich habe mich echt bemüht. Aber was heißt: „sie war stets bemüht“ im Klartext? Genau. Sie hat nix auf die Reihe gekriegt. Kurzum Nein. Der Weg hat keine Antworten gegeben, nur neue Denkanstöße und kleine Schrittchen in die richtige Richtung. Ist aber mehr so ein Voranwackeln im Nebel. Was habt ihr erwartet? Dass die Antworten einfach so auf der Straße liegen? Das wär doch zu einfach. 

Aber vielleicht tun sie das ja. Und ich hab die Hinweise einfach übersehen.

Jedenfalls   konnte ich meine persönlichen universellen Rätsel in der Kürze der Zeit mit meiner gedanklichen Maximalleistung leider nicht lösen. Bestenfalls fällt mir „42“ als Antwort ein, aber das ist auch nur ein Hinweis, der weder mir  noch den meisten Lesern hilfreich erscheinen  dürfte. Ich glaube, ich drifte schon wieder ein wenig vom Kurs ab, durch den Nebel. Zum Glück bin ich ja auch nicht per Anhalter im Universum unterwegs, aber das passiert eben, wenn ich einen kleinen Einblick in ein paar unaufgeräumte Schubladen meiner Gedankenwelt gewähre.

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Wer hat das Bild vom Bobinger Stausee gemalt?

Wo bin ich stehengeblieben?

Zum ersten Mal am Zugang des Bobinger Stausees nach ungefähr 8 km. Die Schrift auf den Jakobswegweisern dort ist  genauso verblasst wie meine Erinnerungen. Nach kurzem Zögern steige ich die Stufen zum Wasserstauwerk hoch und überquere  den Damm.

 

Ich bin tief beeindruckt von dem Blick, der sich mir bietet, das Wasser tiefblau im Kontrast zum Himmel, der perfekt, wie mit Aquarellfarbe gemalt ist. Vereinzelte weiße Schleier legen sich zart über ein helles Blau und vermischen sich in sanften Schwüngen.

Es ist mittlerweile ganz schön sonnig und mir fällt ein, dass ein wenig Sonnencreme jetzt nicht verkehrt wäre. Leider gibt es  keinen Schatten und die Bänke, die in humanen Abständen aufgestellt sind, stehen um diese Zeit alle in der Sonne.  Ich gehe halb um den See herum, bis ich zum Zufluss der Wertach komme, aber es hilft nix. Die Bänke und ich werden weiterhin freundlich beschienen.

Also erbarme ich mich und mache eine Sonnenpause, esse ein Häppchen, creme mich ein und beobachte einen stark übergewichtigen Mann mit hochrotem Kopf, der mit seinen Wanderstöcken auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses kräftig voran marschiert.  Mir fällt ein, dass ich dem Mann bereits direkt am Anfang der Strecke, also vor knapp zwei Stunden, begegnet bin und er nun noch immer in der Sonne – natürlich ohne Wasser und Kopfbedeckung – läuft. Einerseits habe ich Respekt vor seiner Leistung bei diesem Wetter, denn, das was er da betreibt ist ohne Zweifel sehr anstrengend für ihn, andererseits bin ich mir nicht sicher, ob er nicht etwas übertreibt und sich zu viel zumutet. Ich hoffe einfach, dass er nicht gleich zusammenbricht, es wieder bis nach Hause schafft und mir erspart die W-Fragen für ihn am Telefon zu beantworten.

Nachdem  auf einem Parallelweg eine Pferdekutsche an mir vorbeigefahren ist, zuckele auch ich wieder los. Kurz hinter Bobingen verlässt der Weg die Wertach und führt endlich in den schattigen Wald .Ein älterer Mann, der mich von hinten auf dem Fahrrad überholt, erkennt meine Muschel und ruft mir zu: „ Sie haben aber noch einen weiten Weg vor sich.“ Wahrscheinlich denkt er, dass ich bis Compostela durchlaufen will, aber ich kläre ihn auf, dass es erstmal nur für eine Woche durch Deutschland Richtung Lindau geht.

Aber eigentlich hat er ja Recht.

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Eine weitere Pause mache ich ungefähr eine gute Stunde später. Unterwegs  habe ich immer wieder kräftig an meinem Trinkschlauch gezogen, der mit meiner Zweiliterblase im Rucksack verbunden ist.  Die ist mittlerweile leer und der einstige Inhalt schon wieder ausgeschwitzt..  Mit dem letzten halben Liter Wasser in der Extraflasche, muss ich noch ein wenig haushalten.

 

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Ich laufe weiter und treffe bald auf ein Schild im Wald, dass mein Tagesziel, das Gasthaus „Grüner Baum“ in nur zwei km Entfernung ankündigt.

Innerlich jubele ich, aber wie bereits mehrfach erfahren, können sich zwei km, besonders wenn es die letzten des Tages sind, und wenn sie durch die pralle Sonne führen,  ganz schön ziehen. Ein paar Hundert Meter nach dem Schild ist der Wald nämlich zu Ende.

Endlich  komme ich ziemlich erhitzt in Reinhartshofen im Gasthaus an. Ich bin mir ziemlich sicher, dass da jemand bei der Kilometerangabe auf dem Schild geschummelt hat.

„Der Grüne Baum“ liegt natürlich noch den Berg runter, ungefähr an der tiefsten Stelle in ganz Reinhartshofen, und ich muss schon mit Schrecken an den nächsten Tag denken, an dem ich diese Extrameter wieder hoch muss, denn eigentlich führt der Jakobsweg nur oben an der Ortschaft vorbei und ich laufe einen Extraschlenker hinab.

Im grünen Baum 

Vor dem Haus werde ich direkt freundlich von dem jungen Mann, der im Biergarten bedient , angesprochen. Anscheinend mache ich wieder einen bemitleidenswerten Eindruck, denn er bittet mich sofort ins Haus. Das Gefühl den Rucksack für den Tag abzustreifen ist einfach unbeschreiblich. Man fühlt sich so leicht und beschwingt. Aber Schultern und Rücken schmerzen mich trotzdem ordentlich.

Ich lasse mich auf eine Sitzbank fallen  und bekomme schnell  ein kaltes Getränk meiner Wahl, diesmal von einem älteren Herren,  serviert. Das hier scheint ein Familienbetrieb zu sein in dem für meinen Geschmack drei Generationen arbeiten.

Der schwäbische Dialekt in dem er mich anspricht, klingt fast wie elbisch für mich. Ich muss ganz schön die Ohren spitzen, um mitzukommen. Die Wirtsfrau kommt aus der Küche, um mir zu erklären, dass ich doch den Weiher, nur 500 Meter die Straße geradeaus, testen soll, der sei sehr schön und bei dem Wetter unbedingt zu empfehlen. Aber ich winke ab. Ein Extrameter ist mir schon zu viel, geschweige denn Tausend. Ich habe der Wärme schon wieder ganz schön Tribut zollen müssen und fühle mich an meine Hitzestrapazen vom Vorjahr erinnert. 

Nach einer Viertelstunde in der kühlen Stube kehren meine Lebensgeister jedoch wieder ansatzweise zurück und ich bekomme mein Zimmer gezeigt. Sogar mit Balkon und Blick auf den Kirchturm, der einen Steinwurf entfernt steht. Welch ein hübsches Panorama.  Nach einer Dusche werde ich die   Kirche St. Jakobus mal besuchen humpeln und  schauen, ob ich vielleicht einen Pilgerstempel finde.

Ich habe Glück. In der Kirche finde ich  einen Stempel und sogar ein Pilgerbuch.  Mein erstes Pilgerbuch auf dem Bayerisch Schwäbischen. Der letzte Eintrag ist über drei Wochen her. Mir wird klar, dass es ziemlich unwahrscheinlich ist, in den kommenden Tage weitere Pilger auf meiner Strecke zu treffen.  Von der Wirtin weiß ich schon, dass ich die einzige Pilgerin in der einzigen pilgerfreundlichen Unterkunft im Ort bin. Vor mir läuft anscheinend niemand, mit mir läuft niemand und falls hinter mir Betrieb wäre, würde  es ohne Rasttag schwer werden zu mir aufzuschließen. Schade. Ich hatte gehofft, dass nun wieder mehr Leute unterwegs sein würden, aber die Strecke scheint nach wie vor nicht stark frequentiert zu sein.  

Ich entscheide mich den ersten Pilgerstein beim ersten Pilgerbuch zurückzulassen.

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Merke: Wenn du nicht mit den Hähnen aufstehen willst, nehme in kleinen bayerischen Orten nie das Zimmer neben dem Kirchturm

Um sechs Uhr am nächsten Morgen läuten die Glocken Sturm. Nicht, dass ich bis 10 Uhr hätte schlafen wollen, aber 6 Uhr ist doch ein bisschen arg früh finde ich. Mein Wecker wäre um  kurz nach 7 gegangen, aber an Schlaf ist jetzt nicht mehr zu denken.

Die freundliche Wirtsfrau bereitet mir für 8 Uhr ein leckeres Frühstück im Biergarten zu. Es ist schon um die 20 Grad warm. Während ich meine Semmel kaue, muss ich nochmal den gestrigen Abend Revue passieren lassen. 

 

Ein illustres Völkchen hatte sich um mehrere Biergarnituren eingefunden und den warmen Sonntag im Gasthaus ausklingen lassen. Zum Essen hatte ich mich dazugesellt.  Zu meiner Linken saß eine Tischgarnitur bestehend aus zwei älteren Pärchen in Tracht samt Hund, die leider die gesamte Gästeschar an ihrer lautstarken auf dem Handy abgespielten (grauenvollen)  Volksmusik teilhaben ließen. Dazu pfiff der Handybesitzer laut und falsch und wippte mit den Beinen im Takt gegen den Tisch, dass die Getränke darauf nur so zitterten. Außer mir schien die Musik jedoch niemanden zu stören.

Zu meiner rechten saßen die einheimischen, bierseligen, übriggebliebenen Junggesellen  und glotzten mich allein sitzende Frau mit unverhohlener Neugier an. Wahrscheinlich war ich in dieser dörflichen Umgebung was Besonderes. Auf eine alkoholisierte, aufdringliche Altherrenbekanntschaft hatte ich jedoch definitiv keine Lust.

Ich zog mein Tagebuch hervor, ignorierte die Herrschaften und ging dem so aus dem Wege.  

Einer am Tisch schwadronierte nicht sehr qualifiziert über die EM in feinstem Schwäbisch. „De däpperte Italjänä, die mog i a glei gar net“. Darüber wer hier deppert war, ließ sich sicherlich streiten.  Da fiel mir wieder ein, dass ja zwei Achtelfinale an diesem Abend anstanden. Später auf meinem Zimmer versuchte ich verzweifelt das spätere Spiel anzusehen. Erfolglos. Ich schlief nach circa 10 Minuten ein. Ich glaube nicht, dass es am Spiel lag. Ich kann mich heute nur noch erinnern, dass ich irgendwann den Fernseher  ausgemacht und sofort weitergeschlafen habe.

Ich werde in meinem Gedanken unterbrochen, die Gastgeberin findet sogar Zeit sich zu mir zu setzen und zu ratschen. Eigentlich wollte ich um halb neun los, aber es ist ein gutes Gespräch mit ihr, sie erzählt aus ihrem Leben und den schweren Coronazeiten für den Gasthof.  Die Zeit vergeht schnell.  Um neun Uhr stelle ich erschreckt fest, dass es schon so spät ist. Ich hole mein Wanderrucksäckchen und mache mich bereit für  den anstehenden Tag. In Kirch Siebnach möchte ich heute Nachmittag ankommen.

Infos zu Etappe 8:

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Meine pilgerfreundliche Übernachtung:

Gasthof Grüner Baum

Fam. Donderer, Weihertalstr. 6

86845 Großaitingen, OT Reinhartshofen

Die gpx tracks für den Bayerisch/Schwäbischen findet ihr  hier: 

https://www.pilgern-schwaben.de/augsburg-bad-woerishofen-bad-groenenbach/