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           Pilgern unter einem Hut - Unterwegs mit Sandra

       Bayerisch Schwäbischer Jakobsweg 

           Etappe 7 :  Von Augsburg nach Göggingen  - 7,2 km

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Verdammt lang her...verdammt lang....

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Fast ein ganzes Jahr ist es her, dass ich in Augsburg an der Jakobskirche angekommen bin. Heute, am Donnerstag nach Pfingsten, ist das Wetter vielversprechend und die Inzidenz in Augsburg endlich einigermaßen gesunken. Ich habe die Melodie des BAP-Klassikers schon morgens im Kopf und packe mich samt Pilgerhut, vier Pilgersteinen und mäßig vollem Rucksack ins Auto, um die Anfahrtsstrecke für die geplante Minitagesetappe zurückzulegen. Ich parke 100 Meter entfernt vom Startpunkt der Wertachbrücke in Göggingen  in einer ruhigen Seitenstraße. "Häh? Startpunkt? Ist die Wertachbrücke denn nicht der Zielort?", mag der aufmerksame Leser nun denken.

Richtig! Gut aufgepasst.

Denn es gibt eine kleine coronabedingte Planänderung mit verkehrstechnischen Vorteilen für ortsunkundiges Pilgervolk.

Ich werde den Weg heute - entgegen meiner bisherigen Laufrichtung -  zunächst zurück nach Augsburg ins Zentrum und dann  wieder retoure (wie ein Amazonpäckchen) zu meinem Startpunkt gehen.  Das macht dann insgesamt 14 km und vermeidet mir sowohl eine Parkplatzsuche in der Nähe der Jakobskirche im Stadtzentrum als auch eine einfache aber volle Tramfahrt zurück zum Auto. 

Die ersten Pilgersteine werden ausgesetzt

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Die Pilgerwegtafel mit dem Hinweis,

dass sich hier der weitere Weg Richtung

Lindau in einen Ost- und einen Westweg

an dieser Stelle trennt, finde ich auf

Anhieb. Der Ostweg, den ich in ein paar

Wochen in Angriff nehmen möchte, führt

von hieraus Richtung Türkheim bis nach

Bad Grönenbach, wo er sich mit dem

Westweg wieder vereinigt. 

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Ich denke, hier sind die Pilgersteine gut sichtbar auf dem Metallrahmen platziert. Da kann ich nur noch hoffen, dass auch jemand anderes sie toll findet, auf die Idee kommt einen mitzunehmen,  den QR Code auf der Rückseite als solchen identifiziert, ihn scannt, dieser hoffentlich noch einlesbar ist und dann, nach all den Mühen, zu guter Letzt auch noch Kontakt mit mir aufnimmt. 

Ich glaube, die Idee an und für sich ist gut, aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich eine Reaktion  erhalte bei diesem Steininput wohl eher gering. Sicherlich muss ich erstmal 100 - 200 Steine auslegen, und das ausgedachte System noch etwas optimieren, um tatsächlich etwas vom Verbleib und der Bewegung der Steine zu hören. 

Denn eigentlich legt man ja  seinen eigenen Pilgerstein ab und nimmt nicht den offensichtlich bemalten Stein eines anderen Pilgers auf.

Und je länger so ein Stein auf seinen "Aufnehmer" warten muss, desto mehr tut das Wetter sein übriges an der Lesbarkeit des QR Codes auf der Rückseite.

Aber vielleicht braucht man ja auch, wie für so vieles andere im Leben, einfach ein wenig Geduld. Und Hoffnung, dass es gut werden wird.

Ich gebe zu, die Pilgersteinidee fasziniert mich und ich möchte so gerne, dass sie auch funktioniert. Bei Haien  und Schildkröten klappt das ja auch mit dem Tracken ihrer zurückgelegten Wasserreisen, also wäre das doch auch toll für meine Pilgersteine. Also analog an Land. Bei den verpeilten Meeresbewohnern wäre die Kontaktaufnahme zu mir der limitierende Faktor. Ich hoffe, dass gerade die beim Pilger nicht scheitert. Denn die Alternative -Pilger mit Peilsender- würde sicher noch weniger Zulauf für mich bedeuten.

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Seid ihr alle noch da?

Jedenfalls frage ich mich voller Vorfreude und Neugier, während ich dem Weg an dem Flüsschen Wertach für ungefähr 3 Kilometer entlang folge, ob bei meiner Rückkehr in einigen Stunden, wohl noch alle Steine daliegen oder schon alle verschwunden sein würden und was ich wohl besser finden würde. 

Fast isländisches Flair

Ich komme an einem idyllisch gelegenen Kiosk mit Biergarten

vorbei. Die Außengastronomie hat seit gestern geöffnet in

Bayern.

Dies Sonne scheint frühlingshaft unstet und die Vögel

zwitschern freundlich. Auf dem Rückweg wäre ein kühles Getränk mit Blick auf die Wertach  eine schöne Belohnung, aber noch ist das nicht verdient und so geht es zunächst weiter mit Ziel Richtung Jakobskirche.

Ich verlasse die Wertach und gehe ein kurzes Stück durch ein

ruhiges Wohnviertel und weiter durch den Wittelsbacher Park

in dessen Mitte, wie ein Kaltwassergeysir,  Wasser zu einer hohen Fontäne in die Luft geschossen wird.

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AAA - Alte Augsburger Altstadt

 

Weiter geht es vorbei an einem markanten, rundgebauten Hotelturm. Kurz darauf quere ich auf der Gögginger Brücke die Bahngleise in der Nähe des Hauptbahnhofes. Hier herrscht schon jede Menge Verkehr und ich nähere mich offensichtlich dem Zentrum. Dann muss ich über drei mal  zwei Fahrbahnen hinweg  die Straßenseite wechseln und dazu mehrere in Reihe geschaltete Fußgängerampeln nutzen. Ich halte mich an die Verkehrsregeln und gehe nur und sofort bei grün über die Straße. Die Grünphasen sind jedoch so kurz, dass ich keinem gehbehinderten oder älteren Menschen empfehlen würde hier über die Straße zu gehen, es sei denn er ist lebensmüde. Trotz zügigen Schrittes über die Straße brauche ich dank der großzügigen Wartephasen an den Verkehrsinseln mehr als fünf Minuten über die drei Fahrbahnen. Ich denke, das ist optimierbar. 

Ich stelle fest, dass Augsburg ein paar schöne historische Ecken und mittelalterliche Gassen hat, die ich eigentlich gar nicht zu Gesicht bekommen hätte, denn irgendwo an einer temporären Erdbeerbude habe ich wohl die korrekte Abbiegung verpasst. Statt zurückzugehen suche ich mir einen mehr oder weniger parallelen Weg, der mich auch an mein Ziel führt. Ich komme sogar an einem historischen Wasserrad in der Nähe des Vogeltores vorbei. Den ursprünglich geplanten Weg kann ich ja auf jeden Fall noch zurück nehmen, dann wird es auch nicht langweilig. 

Google lehrt mich, dass Augsburg die drittgrößte Altstadt nach Köln und Hamburg besitzt. Wer hätte das gedacht! Ich jedenfalls nicht.

Ich bin kurz vor dem Etappenende. Mir fällt auf, dass erstaunlich viele Menschen auf der Straße Masken tragen. Bei uns im Landkreis tun das viel weniger. Eine ältere Frau kommt mir entgegen, spricht zwar nicht mit mir, aber deutet auf mein Gesicht.

Aha, das soll wohl heißen ich soll eine Maske anziehen. Aber genauso viele Leute laufen auch ohne Maske rum. Ich bin noch unentschlossen. Kann ja draußen jeder machen wie er möchte und eng ist es auch nicht.

Da kommt schon die Jakobskirche in Sicht. Diesmal habe ich mir vorgenommen nicht wieder zu vergessen ein Foto von Kirche und Brunnen dahinter bzw. davor zu machen, wie ich es ja bei meiner letztjährigen Ankunft leider im wahrsten Sinne des Wortes verschwitzt hatte.

Draußen an der Kirchenwand stoße ich erneut auf eine Jakobsweginfotafel, die bei meinem letzten Besuch wahrscheinlich auch schon da gehangen hatte, aber unsichtbar geblieben war. Ich lerne, dass die Kirche 1355 erbaut wurde und seit der Reformation evangelisch ist. Sie ist wohl 1944 im Krieg durch Luftangriffe zerstört und 1948 wieder aufgebaut worden. 

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Kirche wieder offen 

Diesmal habe ich mehr Glück. Die Eingangstüre lässt sich öffnen und im Inneren hängen nützlichen Informationen für Pilger an der Wand. Eine Telefonnummer bietet Hilfe bei der Übernachtungssuche  und vier verschiedene Adressen für den Erhalt eines Pilgerstempels werden auch aufgeführt. Auch  MCTramp steht drauf, der Outdoorladen genau gegenüber der Kirche, in dem ich nur dank des Wissens meines Mitpilgers Ansgar im Vorjahr den Augsburger Stempel erhalten hatte. Denn in der Kirche nützen die Infos wenig, wenn man nicht rein kann, aber das war natürlich der Pandemie geschuldet.

Es gibt sogar einen Flyer, herausgegeben von der Jakobus Pilgergemeinschaft-Augsburg e.V., der u.a. auf ihre Homepage

www.pilgern-schwaben.de hinweist, wo man viele hilfreiche Infos findet.

Unwissen schützt vor Strafe nicht

 

Nachdem ich draußen am Brunnen eine Mittagspause eingelegt und mich gestärkt habe, geht es dann wieder auf den nun alternativen Rückweg. Nach ein paar Hundert Metern spricht mich eine Frau an und empfiehlt mir wärmstens doch eine Maske zu tragen, denn die Polizei würde hier in der Innenstadt ständig kontrollieren. 

Oh man, erst jetzt wird mir das so richtig klar.  Die Augsburger hatten tatsächlich Maskenpflicht draußen! Ich hatte es wirklich nicht gewusst. Ein, zwei Schilder am Beginn der Fußgängerzone wären vielleicht hilfreich gewesen für den unbedarften auswärtigen Tageswanderer, aber nix zu erkennen.

Vielleicht habe ich aber einfach auch dran vorbeigeguckt. Oder hätte das vorher nachlesen sollen.

Als ich in die Karolinenstraße einbiege, kurz vor dem Rathausplatz, trage ich natürlich wie alle anderen auch  eine Maske, während die Polizei tatsächlich langsam Streife an mir vorbeifährt. Das hätte auch ein teurer Ausflug werden können....

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Ich laufe stadtauswärts auf die Basilika St. Ulrich und Afra zu.

Ich glaube, in Augsburg gibt es eine Menge eindrucksvolle Bauten zu besichtigen.

Ich bin wirklich positiv überrascht, aber auch froh, als ich den Stadtkern verlasse und wieder die Maske abziehen kann.

 

Stopp im Biergarten - kann nicht mehr warten

Es dauert nicht lang  und ich bin wieder zurück am Fluss. Da es mittlerweile richtig sonnig  geworden ist, freue ich mich schon auf den Biergartenstopp.

Es wundert  mich, dass bei diesem schönen Wetter nicht mehr Leute dort sitzen. Es ist nur ein weiterer Tisch belegt.

Aber vielleicht ist es noch zu früh am Tag. Nach einer halbstündigen Erfrischungspause geht es weiter

zurück Richtung Göggingen.

Seid ihr immer noch alle da???

Die letzten zwei Kilometer ziehen sich wie Kaugummi. Irgendeinen Muskel an meinem linken Schienbein habe ich verärgert. Er meckert ein wenig, aber ich ignoriere ihn, denn ich bin gespannt auf die aktuelle Steinesituation an meinem Schild.

Und was finde  ich dort vor? Ratet!

Natürlich.

Alle Steine liegen noch brav, wo ich sie abgelegt hatte.....

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Die Käsekirche

Zum krönenden Abschluss des Tages werfe ich noch einen Blick in die sogenannte " Skt. Camenbertkirche", die ziemlich direkt neben der Wertachbrücke gebaut wurde und richtig "Zum heiligsten Erlöser" heißt. Den Spitznamen verdankt das Gemäuer  seinem ungewöhnlichem architektonischem Design, das natürlich an ein Stück französischen Weichkäse erinnert.

Also aus der Luft.

Auf meinem Foto kann man das jetzt nicht so unbedingt erkennen. Irgendwie bin ich überrascht, dass die Eingangstüre nicht verschlossen ist, denn ich hatte vorher gelesen, dass sie nur am Wochenende geöffnet sei. Umso besser.

Zu meiner Freude finde ich im Inneren dieser modernen Kirche natürlich auch den modernsten Pilgerstempel überhaupt. Zwar nicht abgestimmt auf den Bau in Achtelform, sondern rund, aber mit Mechanik zum runterdrücken und mit integriertem Stempelkissen.

Erinnert mich an unsere alte Kaffeemaschine in klein, nur ohne Kanne unten drunter.  

Mit dieser Konstruktion muss man erstmal einen Probedruck auf Papier machen, um zu schauen, wie das Ding funktioniert und wo vorne und hinten ist.

Vor mir auf dem Blatt Papier war bereits fünf Mal probiert worden. Sowohl der Probedruck als auch der Druck in meinen Pass gelingen perfekt. Da hat sich doch jemand mal Gedanken gemacht und den Stempel, wahrscheinlich im Internet, individuell gestalten lassen. 

Sehr schön. Zufrieden geht es kurz darauf wieder gen Heimat.

Dann steht dem Start zur zweiten Pilgerwoche nach Bad Grönenbach  eigentlich nichts mehr im Wege.

Ich muss mich lediglich noch um die Übernachtungen kümmern.